Das Mehrfamilienhaus in der St. Galler Sittertalstraße ist das Erstlingsprojekt des Studio Romano Tiedje. 2019 werden sie von der gemeinnützigen Stiftung hausen+wohnen angefragt, eine Machbarkeitsstudie für die Sanierung eines viergeschossigen Mehrfamilienhauses von ca. 1900 in St. Gallen durchzuführen. Erst lehnt der Kanton St. Gallen das Bauvorhaben ab, man einigt sich jedoch auf einen Ersatzneubau, der 2024 fertiggestellt wird.
Lisa Tiedje und Luca Romano lernen sich in Berlin kennen, als Luca Romano noch studiert. Das Haus in der Sittertalstraße soll das Erstlingsprojekt vom Studio Romano Tiedje werden. 2019 werden sie von der gemeinnützigen Stiftung hausen+wohnen angefragt, eine Machbarkeitsstudie für die Sanierung eines viergeschossigen Mehrfamilienhauses von ca. 1900 in St. Gallen durchzuführen. Erst lehnt der Kanton St. Gallen das Bauvorhaben ab, weil es sich zu nah am Waldrand befindet, man einigt sich jedoch auf einen Ersatzneubau, der 2024, vier Meter vom ursprünglichen Standort versetzt aber mit gleichem Volumen, fertiggestellt wird.
Das Objekt im St. Gallener Sittertal war ein klassisches schweizerisches Arbeiterhaus einer ehemaligen St. Galler Färberei und stark sanierungsbedürftig. Heute beherbergt der Komplex die Kunstgießerei St. Gallen, die 2025 vom Schweizer Bundesamt für Kultur mit dem Prix Meret Oppenheim, dem Schweizer Grand Prix Kunst, ausgezeichnet wird. Laut Satzungszweck ist die Stiftung hausen+wohnen dem Erhalt bezahlbarer Mieten verpflichtet, es galt also, den Ersatzneubau so kostengünstig wie irgend möglich zu realisieren.
Es stellt sich die Frage, was im Sinne des Ortsbildschutzes erhaltenswert ist und was neu gedacht werden kann oder muss. Man wollte keine Replik bauen. Nach der Beauftragung ziehen Lisa Tiedje und Luca Romano nach St. Gallen und übernehmen, mit 350 Meter Fußweg zur Baustelle, die Bauleitung.
„Es ging uns um die Robustheit und Langlebigkeit der Materialien. Wir fragen uns immer wieder, warum Materialien so häufig entfremdet werden. Allein der Urzustand des Materials erlaubt, dass es altert.“
Im Sinne des Ortsbildschutzes wird die alte Fassadengliederung übernommen. Die damit einhergehende Einschränkung durch die vielen Fenster wird durch schräge Wände gelockert, sodass große Zimmer kleiner und kleine Zimmer größer gestaltete werden können. Die Idee der grünen Fensterläden wird übernommen, die Fenster selber werden aber größer. Öffnen tut sich nun ein großer Fensterflügel, der bündig in der Wand sitzt, sodass es keine Fensterbänke braucht. Immer wieder werden Einsparungen getätigt, um die Sanierung im geplanten Kostenrahmen zu realisieren und damit nachhaltiges Wohnen unterhalb des Mietspiegels zu sichern. Die Reduktionen in Entwurf und Praxis bergen Potenziale. So lassen sich die Holz-Metallfenster durch den bündigen Einschluss in der Wand fast 180° auf die Außenwand öffnen.
Passend zu den Fensterläden und dem umliegenden Wald wird die Waschputzfassade mit grünem Andeer, einem dekorativen Putz-Zuschlag, versehen. Das Mauerwerk im Innenraum bleibt unverputzt, die Sichtqualität des Betons ist verhältnismäßig hoch. Und auch die Farbigkeit gelbes Unterdaches, ähnlich dem Holzbau und der Lackierarbeiten im Appenzell wird in gemeinsamer Abstimmung mit dem leitenden St. Gallener Denkmalpfleger erhalten. Elemente wie die grün-glasierte Klinkerfensterbänke oder die Glasbausteine kommen neu hinzu. Das durch die Glasbausteine ins Treppenhaus fallende atmosphärisches Licht bricht die Härte des Betons. Das Lichtspiel lässt das Treppenhaus zur „Laterne“ des Hauses werden – gleichzeitig ist es Begegnungsort für die nun nicht mehr drei, sondern vier Mietparteien. Durch den um vier Meter verschobenen Standort liegt das Haus nämlich am Berghang, wodurch Raum für eine zusätzliche Studiowohnung im Erdgeschoss entsteht.
Der Kontakt zu FSB kommt über Heike Hanada, zustande, die 2019 das Bauhaus Museum Weimar mit FSB 1147 in der seinerzeit noch nicht offiziell eingeführten Oberfläche Aluminium Pure eröffnet. Bemustert wird noch in der frühen Planungsphase in der Berliner Privatwohnung. Schon früh ist klar, dass der „Wittgenstein Drücker“ in der rohen, gleitgeschliffenen Aluminiumoberfläche verbaut wird und so wählt das Studio Romano Tiedje später passenderweise, die Balkone, sowie Sitzbank und Lampe im Vorgarten aus feuerverzinktem Stahl zu verbauen.
Bevor sie gemeinsam mit Luca Romano das Studio Romano Tiedje gründete, arbeitete Lisa Tiedje in der Produktion des Künstlers Ólafur Elíasson. Der Wert der Lebendigkeit von Materialien und die Verantwortung gegenüber der Echtheit von Materialien spielte hier immer eine große Rolle.
Das Thema Nachhaltigkeit zieht sich einerseits durch die fortlaufende Reduzierung des Entwurfs durchs Projekt aber auch im Sinne der sozialen Nachhaltigkeit, nämlich darin bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Von drei Mietparteien aus dem Altbau in der Sittertalstraße ziehen zwei in den neuen Ersatzbau. Zwei weitere kommen hinzu. Lisa Tiedje und Luca Romano leben und arbeiten weiter in St. Gallen, fußläufig vom Mehrfamilienhaus in der Sittertalstraße.
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