Auf Werksbesuch in Brakel
Alles im Griff

Gute Architektur braucht nicht nur den großen Entwurf. Sie ist auch die Summe perfekter Details. Über viele machen wir uns im täglichen Gebrauch nur wenig Gedanken. Wie über die Türklinke. Dabei nehmen wir kaum ein Bauteil so oft in die Hand. Wer mehr darüber wissen will, sollte ins ostwestfälische Brakel fahren. In der beschaulichen Kleinstadt ist die geballte Klinkenkompetenz der Republik versammelt.
Blick in die FSB Produktion in Brakel mit Mitarbeiter und Reihen von Türdrückern auf Gestellen.
Aluminiumteile werden zum Eloxieren gebracht
© Edward Beierle

Text: Ansgar Steinhausen

Über eine Million Türgriffe verlassen jedes Jahr die Werke des Mittelständlers Franz Schneider Brakel, kurz FSB. Das Unternehmen ist europäischer Marktführer im gehobenen Segment.

Das war 1881 noch nicht absehbar, als die Firma als Teutonia Werke, Westfälisches Metallwerk, gegründet wurde.

Zunächst produzierte man dekorative Aluminiumbleche für die ausladenden Möbel der Gründerzeit. Erst in den zwanziger Jahren entstanden dann auch Türbeschläge. Die wurden unter dem Einfluss des Neuen Bauens rasch zu Inbegriffen der Architekturvantgarde. War doch den Architekt:innen des Bauhauses und ihren Zeitgenoss:innen die Bedeutung funktionaler Türgriffe so bewusst wie kaum jemandem zuvor.

Rohmaterial Aluminium in Form gestapelter Metallbarren in der FSB Produktion

Das Foto zeigt die sogenannten Aluminium-Masseln. In dieser Form wird das Roh-Aluminium in Brakel angeliefert.
© Edward Beierle

Den großen Durchbruch brachte FSB dann der Bauboom der fünfziger Jahre. Damals entstanden erste Modelle, die man Autoren-Klinken nennen könnte. „Das bis dahin meist anonyme Design der Türgriffe wurde nun einzelnen Gestaltern wie unserem damaligen Hausdesigner Johannes Potente zugeschrieben und bald weltweit beachtet“, berichtet der ehemalige FSB Marketingleiter Matthias Fuchs, ein großgewachsener Brillenträger, der selbst Industriedesign studiert hat. Vier von Potentes Entwürfen gelangten später sogar in die ständige Sammlung des New Yorker Museum of Modern Art.

Das Material der Stunde war Aluminium, ein erstaunlich vielseitiges Leichtmetall und silbern glänzendes Zukunftsversprechen, aus dem sich Geradliniges wie Schwungvolles formen ließ. Doch dann stürzte die Begeisterung der siebziger Jahre für Kunststoff und Knallbuntes FSB in die Krise, bis die Marke seit den Achtzigern mit neuen Entwürfen führender Gestalter wieder Fuß fasste und mit Edelstahl und Bronze zunehmend auf eine exquisite Materialästhetik setzt.

Mitarbeiter schweißt in der FSB Produktion in Brakel einen Türdrücker von Hand.

Hier wird Edelstahl geschweißt

© Edward Beierle

Mitarbeiter poliert in der FSB Produktion in Brakel einen Türdrücker an der Schleifmaschine.

Ein FSB Mitarbeiter beim Schleifen eines Edelstahlrohrs

© Edward Beierle

Mitarbeiter bearbeitet in der FSB Produktion in Brakel einen Türdrücker an der Schleifmaschine.

Polieren eines Aluminiumteils

© Edward Beierle

Während andere Hersteller heute in China produzieren lassen, wo Edelstahlprodukte längst Massenware geworden sind, bleibt FSB der ostwestfälischen Heimat treu.

Das Qualitätsversprechen im Hochlohnland hat seinen Preis. Die günstigste Aluminium Türdrückergarnitur aus Brakel kostet 46 Euro, die teuerste aus Bronze ist nicht unter 300 Euro zu haben, Edelstahl rangiert zwischen diesen Polen. Auch deshalb wird man FSB Produkte nicht in Baumärkten finden. Dafür stammen die Entwürfe von bekannten Architekt:innen wie David Chipperfield, Helmut Jahn, Dominique Perrault oder Christoph Mäckler und die Klassiker unter ihnen von Walter Gropius, Robert Malle Stevens, Ferdinand Kramer und Max Bill.

Mitarbeiter entnimmt in der FSB Produktion in Brakel Metallschmelze mit einem Gießlöffel aus dem Ofen.

Impressionen aus der Produktion. Hier wird geschmolzenes Aluminium zum Gießen geschöpft.

© Edward Beierle

Behälter mit gegossenen Türdrücker-Rohlingen in der FSB Produktion in Brakel.

Frisch gegossene Aluminiumteile

© Edward Beierle

Bis man einen der meisterhaften Türdrücker in den Händen halten kann, sind viele Produktionsschritte nötig. In den lichten Hallen einer ehemaligen Dampfschlachterei schöpft einer der 600 Mitarbeiter geschmolzenes Aluminium mit der Kelle aus einem Kessel, beugt sich über die Gussform und gießt das Leichtmetall mit abertausendfach geübter Hand hinein. Sekunden später löst sich ein silbriger Türgriff aus dem Werkzeug. Noch ist der Rohling gratig und rau, dann wird er mehrfach geschliffen, gerade bei den freien Formen noch per Hand und in kauernder Haltung, bei den geometrischen hilft auch ein Triadisches Ballett von Robotern mit ihren ungelenkzackigen Bewegungen.

Mitarbeiter in der FSB Produktion in Brakel vor Gestellen mit Blindrosetten.

Fertig eloxierte Aluminiumteile

© Edward Beierle

Türgriff in einer Fertigungsanlage der FSB Produktion in Brakel.

Beim sogenannten Hydroforming werden Teile unter Druck gebogen

© Edward Beierle

Mitarbeiter poliert in der FSB Produktion in Brakel einen Messingbeschlag an der Schleifmaschine.

Ein Türknopf aus Bronze wird geschliffen

© Edward Beierle

In den Trovalisiertrommeln reibt anschließend eine Armee kleiner Keramikkegel unermüdlich über das Metall und macht es nach langen Stunden endlich zum Handschmeichler. Erst nach einer Spiegelpolitur folgt dann die Eloxierung, die das Aluminium in einem elektrochemischen Verfahren mit einer dünnen, aber harten Schutzschicht überzieht. Auf diese Weise wird die Oberfläche eingefärbt und verdichtet, bis die Klinke endlich licht- und wetterbeständig ist. Bei allem Aufwand bleibt Aluminium trotzdem vergleichsweise kratzempfindlich. Da viele Kunden aber eine dauerhaft makellose Oberfläche verlangen, fertigt FSB inzwischen das Gros der Türdrücker aus Edelstahl.

Auch hierbei arbeiten Mensch und Maschine wieder Hand in Hand. Es ist erstaunlich ruhig in den Werkshallen, wenn meterlange Stahlrohre geschnitten, unter gewaltigem Druck geradezu aufgeblasen, vielfältig verformt, dann geschweißt, entgratet, geschliffen und poliert werden. Nebenbei purzeln aus einer haushohen Exzenterpresse im Sekundentakt ausgestanzte Türschilde und Rosetten wie die Münzen aus einem einarmigen Banditen. Ein Arbeiter überprüft sofort die silbern glänzenden Teile, Präzision ist oberstes Gebot.

Produktionshalle der FSB Fertigung in Brakel mit Mitarbeitern, Regalsystemen und Transportwagen.

Blick in die Halle für die Endmontage
© Edward Beierle

Auch wenn der Produktkatalog von FSB so dick wie das Berliner Telefonbuch ist, entfällt ein Großteil der Produktion auf gerade mal ein Dutzend Erfolgsmodelle. „Absoluter Favorit unserer Kund:innen ist das sogenannte ‚Frankfurter Modell‘, ein schlichter Drücker, der aus zwei Rundstäben besteht, die an der Gehrung verschweißt sind“, erzählt Matthias Fuchs und findet das Modell FSB 1076 bei unserem Rundgang in großen Mengen auf Gestellen.

Der bemerkenswert einfache Erfolgsentwurf geht auf den Architekten Robert Mallet-Stevens und damit auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zurück und ist doch völlig zeitlos.

Wand mit verschiedenen FSB Türdrücker-Modellen und Formvarianten in der Produktion in Brakel.

Eine Übersicht über alle Edelstahlmodelle aus dem FSB Sortiment, vor der Oberflächenbehandlung
© Edward Beierle

Dasselbe lässt sich von den „Vier Geboten des Greifens“ sagen, die der Gestalter Otl Aicher den FSB Entwickler:innen schon in den 1980er Jahren als Kriterien für Klinkendesign mit auf den Weg gegeben hat: Daumenbremse, Zeigefingerkuhle, Ballenstütze und Greifvolumen, all das zeichne einen gelungenen Entwurf aus. Wie den jüngsten von John Pawson, dem Meister des britischen Minimalismus.

Modell FSB 1242 ist an den berühmten Reichsform-Drücker von Hans Poelzig aus den dreißiger Jahren angelehnt, findet aber in edler Bronze zu einer neuen Interpretation. Details wie diese machen ein Haus aus, geben ihm Charakter. An der Türklinke mögen sich die Geister scheiden. Sie ist immer ein Statement, an dem sich ambitionierte Bauherr:innen erkennen lassen, ob in Aluminium, Edelstahl oder Bronze.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift „Häuser“, Ausgabe 3/2016.

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