Glockenturm St. Elisabeth, Freiburg

Ingrid Maria Buron de Preser

Die Schönheit bewahren und ehren

„Ich habe den Turm gesehen und war sofort Feuer und Flamme“, erinnert sich die Bauherrin Ingrid Maria Buron de Preser an den Moment, als Sie 2014 den Glockenturm in Freiburgs Offenburger Straße entdeckte. Und dann steckte sie sehr viel Herzblut in die Planung und den Umbau des 22 Meter hohen Kirchturms der ehemaligen St. Elisabeth Kirche, die 1962 bis 1965 nach Plänen des Karlsruher Architekten Kirchenbaumeisters Rainer Disse entstand. Das quaderförmige Kirchenschiff wurde mittlerweile in einen Wohnbau umfunktioniert, nur der freistehende Turm ragte glockenlos und von Tauben verdreckt wie ein ästhetisches Manifest an den Brutalismus in den Himmel: aufs Wesentliche konzentriert, äußerst reduziert, kompromisslos modern mit entschiedenem Gestus gegen alles Historisierende.

Ingrid Maria Buron de Preser hatte eine Vision: sie wollte den Turm öffnen für Menschen, die ihre Leidenschaft für Kunst, Design und Architektur teilen. Sie wollte ein zweites Zuhause schaffen, „einen Lieblingsort“, an dem die Gäste „zur Ruhe kommen“, dem Alltag entfliehen können. Sie überzeugte mit Ihrem Modell „Wohnen und Arbeiten auf Zeit“ die Stadt, die Landesdenkmalbehörde und den Sohn des Architekten Gregor Disse, selbst Architekt, mit dem sie sich jetzt auch gemeinsam das Urheberrecht teilt. Im Mittelpunkt all ihres Bestrebens stand von Anfang an „die Bewahrung der Schönheit“: „Es muss zwar im Kontext seiner neuen Nutzung weitergedacht werden, aber ohne Verrat an seiner ursprünglichen Idee zu üben“, sagt Buron de Preser. Genau das ist ihr auf eindrucksvolle Art gelungen.

Der Turm ist, weiter als Turm erkennbar, erhalten geblieben. Die einzigen sichtbaren, baulichen Veränderungen am „Außen“ sind die aufwendig und komplett neu sanierte Beton-Brettschal-Glockenturmhülle und weitere Lichteinschnitte für den Einbau von Fenstern und Türen aus Glas – denn der Turm wurde damals ganz ohne Fenster gebaut.
Auf einer Grundfläche von sieben mal sieben Metern entstanden fünf außergewöhnliche Stockwerke zur temporären Wohn- und Kreativnutzung. Der ehemalige Kapellenraum im Erdgeschoss ist heute eindrucksvolles Get-Together für alle Gäste und fasziniert mit einer Deckenhöhe von 5,5 Metern. Der schmucklose, monolithische Altarstein bestimmt noch immer den Raum – und wirkt im Gesamtensemble neben der einladenden großen Ess-Tafel und der offenen großzügigen Beton-Küche gekonnt in Szene gesetzt.

Architekt und Objekt

Foto: Gerd Preser

„Besondere Orte und Räume wie dieser Glockenturm, haben die Kraft, die Sinne und Herzen von Menschen zu öffnen, sie zu berühren und ihre Seele durchatmen zu lassen. Mein Anliegen war und ist es, die ursprüngliche Bestimmung dieses Kulturdenkmals zu achten und diesem Ort neuen Geist einzuhauchen, um einen lebendigen Kraft-Ort zu erschaffen, dessen wohltuende Energie für die Besucher und Gäste spürbar ist und sie in ihrem Leben inspiriert. Ich habe mich mit diesem Ort und seinem Wesen vom ersten Moment an verbunden gefühlt und es war mir ein tiefes Bedürfnis, ihn wieder zum Leben zu erwecken und ihm erneut Würde zu verleihen“, so die Architekturdesignerin Ingrid Maria Buron de Preser.

Das Feuer: Herzstück des Glockenturms

Im ersten, zweiten und dritten Stock befinden sich 40 Quadratmeter große Apartments – jedes einzelne hat Buron de Preser anders eingerichtet, sparsam und hochwertig möbliert. Die großen, alten Bäume vor den Fenstern vermitteln als Teil des Interieurs den Eindruck, als befinde man sich in einem Baumhaus. Ausbau und Gestaltung dieser Räume verstärken den Eindruck: die Architektin schenkt den Sichtachsen hinaus ins Grün große Aufmerksamkeit, denn die Zimmer sollen Kraft-Orte sein – Refugien für Menschen, die zur Ruhe kommen wollen. Eine Kragarmtreppe aus Stahl verbindet jetzt die Räume im 3. und 4. Stock zu einer Maisonette und inszeniert damit die letzten Meter des Aufstiegs zum Herzen des Turms – der Glockenstube.

63 Stufen über dem bodenschweren Kapellenraum im Erdgeschoss, öffnet sich der Raum acht lichte Meter in Richtung Himmel. Blickfang und Mittelpunkt ist heute – jetzt an der südlichen Wand ausgerichtet – der freihängende, drehbare Kamin und Designklassiker von Dominique Imbert. Das endlos lange Rauchrohr verbindet die offene Feuerstelle mit der Decke und unterstreicht die enorme Raumhöhe mit ihrer sakral anmutenden Ausstrahlung. Ganz bewusst hat Buron de Preser das Spiel mit dem göttlichen Funken, wie die Feuerschalen antiker Tempel, in Szene gesetzt. Die sinnlichen Rundungen des Focus-Kaminofens stehen in einem starken Kontrast zu der strengen kubischen Architektur. Ebenso verhält es sich mit den Oberflächen: hier trifft ein heller, neuer, glattgeschliffener Betonboden auf rauen Beton an den Wänden. Die Materialität dabei ist verbindendes Element, während die Reduktion auf den puren Stahl himmlisch mit der schönen und rohen Beton-Brettschaloptik korrespondiert.

Diese Wechselwirkungen zeigen einmal mehr, dass der feinsinnige Umgang mit der Form den meisterlichen Umgang mit dem Raum ergänzt. Und so beweist Buron de Preser auch bei der Wahl der Türdrücker ihr sensibles Gespür. Mit FSB 1267 in der Ausführung Edelstahl hat sie ein Modell gewählt, das durch seine konkave Frontgestaltung optisch wie funktional erlebbar ist. Gleichzeitig greift das kantige und puristische Design die Gestaltungsmerkmale des Brutalismus auf. So bleibt sich die Visionärin ihrem Grundsatz der „Bewahrung der Schönheit“ bis ins kleinste Detail treu. Und die höchste Tür des Turmes öffnet sich zum Flachdach, auf dem eine Terrasse entstehen wird. Sie soll nicht nur begehbar, sondern auch bepflanzbar sein: Urban Gardening weit über den Dächern Freiburgs. Ein weiterer Ort zum Kraft-tanken und Ruhe-finden.
Die Räume des Turms stehen ab sofort zum nutzen, mieten und genießen bereit.

Objektdetails

Fotos: Jessica Alice Hath

Standort

Ehemalige Kirche St. Elisabeth

Offenburger Straße 50
79108 Freiburg im Breisgau

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