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Anupama Kundoo im Interview

Architektur schafft mehr Probleme als sie löst

14.06.16

Anupama Kundoo ist eine Weltreisende der Architektur. Sie pendelt zwischen ihrem Büro in der indischen Stadt Auroville und Madrid, wo sie eine Professur für erschwinglichen Wohnraum innehat. Studiert hat sie in Mumbai, promoviert an der TU Berlin. Bereits zum zweiten Mal nach 2012 stellt sie auf der Architekturbiennale in Venedig aus. Diesen Sonntag, 19. Juni 2016, hält sie auf Einladung von FSB die diesjährige „Rede zur Architektur“. Wir trafen Anupama Kundoo zur Eröffnung der Biennale in Venedig und sprachen mit ihr über Lowtech, Hightech und wie sie mit einem Leuchtturm Wohnungsnot lindern möchte.

Auf der Architekturbiennale 2016 zeigen Sie einen Haus-Prototyp namens „Full Fill Home“. Damit möchten Sie die Möglichkeiten des Baustoffs Ferrozement ausloten.
Es war Pier Luigi Nervi, der mit seinen Schalenkonstruktionen Ferrozement in die Mainstream-Architektur gebracht hatte. Er erkannte, dass das Eigengewicht des Betons ab einer gewissen Spannweite nachteilig wirkt und versuchte, mit Ferrozement Gewicht zu sparen. Das Material kann sehr dünn verarbeitet werden, es braucht nicht mehr als zweieinhalb Zentimeter.

Anstatt Stahlbewehrung verwendet man Hasendraht. Es ist allerdings schwierig, Ferrozement strukturell zu berechnen, denn das Drahtgitter durchdringt alles. Anders als beim Stahlbeton werden Zug- und Druckzone konstruktiv nicht getrennt. Aber es besteht aus denselben Stoffen: Stahl, Sand, Zement, Wasser. Nur der Kies fehlt. Meine Hoffnung ist, dass man mit Ferrozement mehr Quadratmeter mit viel weniger Materialeinsatz bauen kann.

Die indische Architektin Anupama Kundoo spricht in diesem Jahr anlässlich der „Rede zur Architektur“ auf Schloss Wehrden in Beverungen.

„Full Fill Home“ basiert auf dem Prinzip der Modularität. Es ist aus Ferrozement-Blöcken aufgebaut.
Das Haus ist eine denkbare Anwendung modularer Bausteine. Die Blöcke sind hohl, wir nutzen den Platz, um darin Aufbewahrung oder Möbel unterzubringen. Die Nutzfläche dehnt sich in den Leerraum der Blöcke aus. Das Haus kommt einem deshalb größer vor als es ist – es ist tatsächlich nur drei mal fünf Meter groß. Man hat ein Bett, einen Küchenblock, alles, was man braucht. „Full Fill Home“ ist eine einfache Lösung für das komplexe und mühsame Problem Wohnraumbeschaffung.

Die Produktion ist lowtech, Maurer können die Ferrozement-Elemente einfach selbst herstellen. Es lässt sich binnen einer Woche zusammenbauen. Allerdings ist das Haus keine universelle Lösung, wir haben es für die tropische Klimazone Südindiens entworfen, deswegen ist es auch so offen gestaltet.

Die Produktion des Hauses ist lowtech, aber im Konzept steckt deutsches Hightech-Engineering.
An diesem Projekt arbeiten wir mit Mike Schlaich vom Institut für Bauingenieurwesen der TU Berlin zusammen.

Das Ziel: möglichst wenig Material zu verbrauchen. Wir haben Handwerker aus Indien zu einem Workshop nach Berlin geholt, um mit Schlaich und seinen Studenten die Ferrozement-Module weiterzuentwickeln. Denn wenn man das Material mit viel Geschick verarbeitet, dann kann es seine Eigenschaften noch besser zur Geltung bringen. Wir haben beispielsweise mit Textilien als Bewehrung experimentiert. Einige der Blöcke sind in Berlin geblieben und werden dort weiter getestet. Das Projekt ist eine Bereicherung für alle Beteiligten – interdisziplinär, interkulturell.

Bild 1 von 12: Das „Full Fill Home“ von Anupama Kundoo im Arsenale, einem der beiden Schauplätze von Alejando Aravenas Biennaleausstellung „Reporting from the Front“.

Bild 2 von 12: Kundoo zeigt im Arsenale auch das Projekt „Easy WC“ (rechts neben dem Haus). Sechs vorfabrizierte Ferrozement-Module bilden die Hülle für ein Minibad mit WC, Dusche und Waschbecken.

Bild 3 von 12: Das „Easy WC“ im Arsenale.

Bild 4 von 12: Das „Full Fill Home“ im Arsenale.

Bild 5 von 12: Der Innenraum des „Full Fill Home“.

Bild 6 von 12: Begleitend zu den beiden Prefab-Strukturen zeigt Kundoo eine Dokumentation der Materialforschungen und -experimente zu sehen, die sie in Workshops mit Handwerkern und Studenten unternimmt.

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Bild 9 von 12: Mike Schlaich und Anupama Kundoo während des Workshops an der TU Berlin. (Foto: Ali Mercan)

Bild 10 von 12: Herstellung der Ferrozement-Module. (Foto: Ali Mercan)

Bild 11 von 12: Der Workshop hatte eine prominente Kulisse: die AEG-Turbinenhalle von Peter Behrens in Berlin-Moabit. (Foto: Ali Mercan)

Bild 12 von 12: Mike Schlaich und Anupama Kundoo in der Diskussion mit einem indischen Handwerker und Ingenieursstudentinnen. (Foto: Ali Mercan)

Sie sprachen über ihr Interesse an Wettbewerben: Wie würden Sie denn das deutsche Wettbewerbs-System beschreiben?
Es ist ein Riesenproblem, aber nicht nur aus berufspolitischer, sondern auch aus baukultureller Sicht. Es herrschen inzestuöse Verhältnisse im Wettbewerbswesen. Das heißt: Es sind immer dieselben Leute, die sich hier tummeln. Da kann ja nichts bei rauskommen. Das sieht man auch daran, dass in Wettbewerben immer bestimmte Gestaltungsmuster über drei, vier Jahre existieren und dann ebben diese wieder ab. Aber es gibt keinen richtigen Beitrag mehr zur Baukultur! Weil die Anforderungen immer konkreter werden: Wir müssen Fassadenflächen berechnen und seitenweise zum barrierefreien Bauen schreiben. Dann kommt ein ganzes Heer von Gutachtern, die in der Auswertung der Wettbewerbe den ganzen Käse prüfen und der Jury dann einen Bericht vorlegen, in dem dann steht ‚Bedingt Barrierefrei’.

Wem nutzt das? Auf dem Weg zu diesen zwei Wörtern wurden 6.000 oder 7.000 Euro ausgegeben – und da sind die Unkosten der Architekten noch gar nicht mit eingerechnet. Das ist doch für ein architektonisches Konzept völlig irrelevant.

Woher kommt dieser Detail-Fanatismus?
Die Auftraggeber wollen sich in alle Richtungen absichern. Das ist aus meiner Sicht der Hauptgrund, warum heutige Wettbewerbe nicht mehr die Innovationskraft besitzen wie früher einmal. Die Architekten werden durch riesige Anforderungskataloge regelrecht geschwächt und haben viel weniger Zeit, sich ihren Konzepten zuzuwenden.

Aber wie beurteilen Sie den beschränkten Zugang zu Wettbewerben – und damit die Chancen junger Architekten, an Jobs zu kommen?
Die Debatte führen wir seit Jahren, aber unserer Meinung nach ließe sich das alles beheben. Wenn man ein junges Büro ist, kann man sich auch mit etablierten Architekten zusammenschließen, wie das gerade beim Wettbewerb für das Besucherzentrum für den Bundestag geschehen ist. Da haben sich zwei junge Architekten mit einem größeren Büro zusammengetan und gewonnen. Das Lamento, keinen Zugang zu haben, ist etwas abgedroschen. Mein Bruder und ich hatten früher nicht mal den Kammerstempel – also haben wir uns jemanden gesucht, der für uns gestempelt hat. Wir sind aber auch Verfechter des offenen Wettbewerbs. Unsere Theorie ist, wenn man alle Ausschreibungen öffnet, regulieren sich die Teilnehmerzahlen von selbst.

Unter dem Titel „Wall House“ zeigte Anupama Kundoo auf der Architekturbiennale 2012 ein Eins-zu-eins-Modell ihres eigenen Hauses in Auroville.
(Foto: Andreas Deffner)

Um Ihr Konzept zu verbreiten, brauchen Sie Partner.
Unbedingt. Wohnungsbau ist ein Problem, das man nicht allein lösen kann. Für uns ist das Projekt ein Leuchtturm: Wir zeigen, was wir können und hoffen, dass andere das sehen.

Die Industrie ist bereits aufmerksam geworden, das ist wichtig. In Indien haben wir einen weiteren Prototyp gebaut und ausgestellt.

Im Moment testen wir ihn in unserem Büro. Wir haben auch den Auftrag, zwanzig dieser Häuser zu bauen. Aber das „Full Fill Home“ ist nur der Anfang. Das Material Ferrozement hat noch mehr viel Potenzial.