

Am 3. Juni 1985 saß Otl Aicher in Brakel am ehemaligen Arbeitsplatz des Johannes Potente mit uns zusammen. Vor uns auf der Werkbank lagen alle von Johannes Potente entworfenen und später produzierten Türklinken. Aicher forderte uns auf, den gemeinsamen Nenner der Gestaltungen herauszufinden.
Um unserem Ruf als Hersteller von Handformdesign gerecht zu werden, verwiesen wir auf die Griffigkeit der Modelle, auf der z.B. der Daumen stets seinen Platz finde. Otl Aicher nahm die Türklinken prüfend in die Hand, griff nach seinem Bleistift, malte auf ein Blatt einen runden Kreis und schrieb daneben „Daumenbremse”. Mutig geworden äußerten wir, dass das Gleiche für den Zeigefinger gelte, denn beim Greifen würde sich die Hand spreizen und Daumen und Zeigefinger eine Art Zangenbewegung ausführen. Wiederum wurden alle Griffe durchprobiert und die gewonnene Erkenntnis als „Zeigefingerkuhle” definiert. Und wieder griff Otl Aicher zum Bleistift und skizzierte das neue taktische Zeichen. Nachdem diese beiden ersten Hürden genommen waren, tauchten viele weitere Begriffe auf. Vor allem Volumen und Balligkeit wurden an vielen Griffen gefunden. Otl Aicher hörte uns zu, skizzierte Volumen und Balligkeit und setzte präzise die gefundenen Begriffe daneben.
In den Jahren danach hat man in der Branche zunächst über uns gelacht, wenn wir auf die Frage, welches denn nun der beste Griff sei, mit den vier Geboten des Greifens argumentierten und die Fragesteller aufforderten, doch selbst einmal zuzugreifen. Inzwischen haben die ergonomischen Kategorien des Greifens Eingang in Lehrbücher und ins Feuilleton gefunden.
1. Daumenbremse
Der Daumen sucht stets eine Richtung. Bereits auf den ersten Faustkeilen lassen sich Spuren dieser Suche nachweisen. Viele Gegenstände des Greifens haben eine ausgesprochene Daumenorientierung.
2. Zeigefingerkuhle
Auch der Zeigefinger ist immer auf Richtungssuche. Der Lotse der Hand tastet sich suchend vor, läßt die übrigen Finger nachkommen.
3. Ballenstütze
Die Hand als Einheit verlangt „eine Stütze”. Daumen und Zeigefinger sondieren den Raum. Dann faßt die Hand als Ganzes zu. Der Handballen will dabei gestützt werden. Nur so kann die Kraft aufgebraucht werden.
4. Greifvolumen
Den Griff ins Leere schätzt die Hand nicht. Sie will ballig geführt werden. Greifvolumen ist notwendig. Beim sinnfreien Spielen mit Handschmeichlern, meist bunten Steinen in Ei-Form, verrät der Mensch unbewußt dieses Grundbedürfnis.