

Mit seinem Essay nahm Otl Aicher – wie er selbst sagte – Rache. Über vier Seiten lang rechnete er mit dem verhassten postmodernen Gedankengut ab. Nicht mehr das rationale Denken beherrsche das manuelle Tun, sondern die schwammige Ideologie der Kunst. Vornehm gehe damit die Welt zugrunde. Selbst für die banalsten Gegenstände des täglichen Gebrauchs werde heute der Kunstanspruch erhoben, wie der FSB-Workshop beweise. Otl Aicher hatte sich auf seine Attacke gründlich vorbereitet.
FSB war aufgefordert worden, mit allen Ergebnissen des Workshops nach Rotis zu pilgern. Dort mussten wir unter dem Vordach der großen Scheune – Rotisserie genannt – an einem kühlen, aber sonnigen Herbsttag alles aufstellen. Als Sekundanten hatte FSB Dieter Rams mit nach Rotis gebracht. Und dann schritten Otl Aicher und Dieter Rams die Parade der Displays ab. Nach einer Stunde wurden die FSBler hinzugebeten und mussten sich sehr kritische Kommentare zu den Entwürfen der internationalen Designerschar anhören.
Wochen später hatte Otl Aicher sein Essay fertig gestellt und übergab es FSB mit den Worten: "Da haben Sie mein Urteil. Drucken werden Sie es ja sowieso nicht." Wir druckten es und es wurde zu einem der Eckpfeiler des Bandes 2 der FSB-Edition.
Otl Aicher ist leider 1991 gestorben. Aber seine kritische Botschaft lebt und wird weitergetragen, z.B. an der Fachhochschule in Kiel. Dort pflegt Professor Dieter Zimmer Aichers Essay nun schon seit mehr als einem Jahrzehnt seinen Studenten in der letzten Vorlesung vor dem Jahresende als Weihnachtsbotschaft vorzutragen.