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Annentag in Brakel

Ein deutsches Volksfest
Fotos: Rudi Meisel, Timm Rautert, Michael Wolf
Reportage: Bernd Müllender
Weitere Beiträge: Eugen Drewermann, Herbert Engemann, Peter Maiwald
Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König, 1992

Otl Aicher hatte FSB aufgefordert, dem Standort Brakel, den FSB-Mitarbeitern und sich selbst etwas Heimatlich-Bleibendes zu schenken, das man auch noch Generationen später gern in die Hand nehme. Wir suchten ein Thema – und fanden den Annentag, das älteste und größte Volksfest des Brakeler Raums.

Drei Fotografen der Gruppe Visum aus Hamburg (Rudi Meisel, Timm Rautert, Michael Wolf), ein freier Journalist aus Aachen (Bernd Müllender) und drei Gastautoren (der Paderborner Kirchenkritiker und Tiefenpsychologe Eugen Drewermann, der Brakeler Ortsheimatpfleger Herbert Engemann und der Düsseldorfer Dichter Peter Maiwald) wurden für die Mitarbeit gewonnen.

Die Zusammenarbeit mit Eugen Drewermann verlief problemlos, doch sein Beitrag schlug im kleinen Brakel große Wellen. Vermutlich war es weniger der Beitrag selbst – eine tiefenpsychologische Deutung des Grimm’schen Märchens "Dat Mäken von Brakel" – als vielmehr der Autor und sein Ruf als gefürchteter Kirchenkritiker, der das ganze FSB-Projekt für die Stadt Brakel zu einem roten Tuch werden ließ. Der Kirchenvorstand der katholischen Kirche mahnte den damaligen Geschäftsführer des Unternehmens FSB in einem mehrseitigen Brief schriftlich ab. Aber auch andere Brakeler Bürger – so ein angesehener Bankdirektor – bekundeten ihr tief empfundenes Missfallen.

Die Provinzposse ist nur auf historischem Hintergrund verständlich: Die Stadt Brakel gehört als Teil des alten Nethegaus seit dem frühen Mittelalter zum katholischen Hochstift Paderborn und steht damit, hochkatholisch gesehen, gleich neben dem Eichsfeld und dem Münsteraner Raum. Recht ist in diesen Regionen nur das, was der hohen Geistlichkeit recht ist. Vielleicht stehen die in der Romantik von den Brüdern Grimm und ihrem Bökendorfer Freundeskreis in Ostwestfalen, im Weserbergland und in den Kasseler Bergen gesammelten Märchen und Anekdoten ja sogar heute noch auf dem Index.

Jürgen Braun empfahl seinerzeit den Drewermann-Kritikern die Lektüre des kurz zuvor erschienenen Büchleins "Die Große Wanderung". Autor: Hans Magnus Enzensberger. Dort kann man nachlesen, dass in den Savannen Afrikas die Bewohner eines Krals nur sich selbst als ehrbare Menschen ansehen, während alles, was sich außerhalb der eigenen Gemeinschaft befindet, zu den Menschenfressern zählt. Bei einem Mitglied des Kirchenvorstandes, immerhin, fiel die Lektüre des Büchleins auf fruchtbaren Boden. Er schickte FSB zum Jahresende ein Entschuldigungsschreiben.


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