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Speaking with Hands:                  

Eindrücke zur Ausstellung.

Von Bettina Rudhof

Nicht selten werden wichtige Entscheidungen in der Folge eines Zufalls getroffen. So schilderte der New Yorker Investmentbanker Henry Mendelsohn Buhl anlässlich der Eröffnung seiner Ausstellung Speaking with Hands – Photographs from the Buhl-Collection im Essener Museum Folkwang mit umwerfender Situationskomik, wie er in den 1980er Jahren durch eine Verwechslung zu einem ungewöhnlichen Auftrag kam: Zufällig in der Nähe einer Hochzeit geraten, bat das neuvermählte Paar den Bankier darum, ein paar Aufnahmen von der Feier zu machen. Das Ergebnis war so überwältigend, dass bald schon ein weiterer Auftrag folgte. Anstelle den Fotojob abzulehnen, koordinierte er ihn mit den dichtgedrängten Terminen seines Hauptberufs, fand Gefallen daran und wurde für die nächsten zwölf Jahre zum fotografischen Dokumentaristen von Heiratsfeiern, Modeschauen und Sportereignissen. 1993 zog er sich mit 64 Jahren aus dem aktiven Berufsleben zurück, um sich nun allein seiner eigentlichen Leidenschaft zu widmen, den Werken neuerer Kunst, insbesondere denen der Fotografie.

Stieglitz

Als es ihm gelang, einen Silbergelatine-Abzug der berühmten Aufnahme zu erwerben, die der Fotograf Alfred Stieglitz 1920 von den nähenden Händen seiner Lebensgefährtin, der Malerin Georgia O’Keefe, angefertigt hatte sah, war dies der Anstoß zum Aufbau einer ganzen Sammlung von Fotografien, deren Thema die menschliche Hand ist. Stieglitz berühmte Fotografie fängt die anmutig weibliche Geste der nähenden Hände in einer gleichsam zeitlosen Bildkomposition ein.

Zwar nicht einfach einem Zufall, doch einer alles andere als selbstverständlichen Kooperation ist nun auch zu danken, dass die 171 bedeutendsten Werke des „Sammlung Buhl“ seit dem 19. Mai in Essen zu sehen sind. Nachdem die Bilder zuvor im New Yorker Guggenheim Museum und in dessen Dependance in Bilbao zu sehen waren, bat der Sammler seinen Freund Jürgen W. Braun, den langjährigen Geschäftsführer des Beschlägeherstellers FSB, sich nach einem Ausstellungsort in Deutschland umzusehen. Der ließ sich nicht lange bitten und fand bald die Unterstützung der Leiterin der Fotografischen Sammlung des Museum Folkwang, Ute Eskildsen, und dessen Direktors Hartwig Fischer. Schließlich sorgte Braun auch dafür, dass FSB zum Hauptsponsor der Ausstellung wurde – ein Schritt, der nun allerdings kaum zufällig ist, da sich das Unternehmen seit 125 Jahren nicht nur praktisch, sondern stets auch theoretisch und künstlerisch mit dem Verfertigen von Türdrückern und dem ihm verbundenen Themenkreis des Greifens und Begreifens auseinandersetzt. (1)

Die Präsentation der Sammlung folgt den Entwürfen der Kuratorin Jennifer Blessing, die bereits für die Ausstellung in New York verantwortlich war und dazu einen wunderbaren Katalog herausgab. Gezeigt werden Fotografien von 150 international bekannten Künstlern aus der Zeit von 1850 bis 2003, in deren motivischem Mittelpunkt die menschliche Hand steht. Dabei figurieren Hand und Hände immer wieder neu, immer wieder anders pars pro toto für den ganzen Menschen. Um dieses Entsprechungsverhältnis anschaulich werden zu lassen, hat die Kuratorin die Sammlung unabhängig von der Entstehungszeit der einzelnen Fotografien nach besonderen thematischen Gesichtspunkten geordnet und dabei – unter anderem – „Gebärden“ von „Gesten“ oder „Gruppenaufnahmen“ von „Einzelportraits“ unterschieden.

Aubrey Beardsley

So findet sich die berühmte Aufnahme des englischen Jugendstilkünstlers und Bohemiens Aubrey Beardsley aus dem Jahr 1894 neben einem Portrait, dass Alexander Rodtschenko 1924 von seiner Mutter anfertigte, als sie die Brille in ihre unübersehbar abgearbeiteten Hände nahm, um eine Notiz zu lesen. In beiden Fällen verdichtet sich im Bildnis der Hand das gelebte Schicksal der Person, zu der sie gehört. Dem entspricht, dass Andy Warhol einem Polaroid aus dem Jahr 1986, auf dem die Hand des Popkünstlers zu sehen ist, den Titel Self Portrait gab. Ausgestellt sind sowohl die Hände berühmter Menschen als auch berühmte Fotografien der Hände von Unbekannten. So kennt niemand den Namen des zornigen Jungen, dessen Portrait mit Spielzeughandgranate die Könnerschaft seiner Fotografin Diane Arbus weltberühmt werden ließ (Child with a Toy Grenade, Central Park, New York 1962).

Diane Arbus

Auch die Migrantin, der bei der Einreise in Amerika zuallererst die Fingerabdrücke abgenommen werden, ist uns namentlich nicht bekannt, doch gilt Andreas Feininger, der 1942 ihr Foto schoss, heute international als stilbildender Fotokünstler. Neben jüngeren Werken wie diesen zeigt die Essener Ausstellung Arbeiten von Legenden der Fotogeschichte: Nadar, James Nasmyth und Ansel Adams sind hier ebenso vertreten wie die frühen Avantgardisten Laszlo Moholy-Nagy, Eliezer Lissitzky und Alexander Rodtschenko. Der thematischen Ordnung der Kuratorin folgend, findet sich gleich neben den Bildern aus der früheren Sowjetunion das bezaubernde Portrait, das Robert Rauschenberg 1952 in Rom vom Malerfreund Cy Twombly anfertigte (Cy and Relicts 1952). Dass es in Rauschenbergs Kunst nicht primär ums Verzaubern seiner Betrachter ging, zeigt ein weiteres Foto, das in einem anderen Zusammenhang der Ausstellung gezeigt wird. Es trägt den Titel Norman´s Place #2 und stellt sein Motiv nur noch fragmentiert dar. Es ist schwer zu entscheiden, welche der beiden Fotoarbeiten des Popart Malers schöner ist, denn jede für sich besticht durch die Komposition des Bildes.

Gilles Peress

Einige Exponate überraschen, ja schockieren die Besucher, zeigen sie doch Menschen ohne Hände (Gilles Peress, French Hospital, Sarajevo 1993), abgehackte Hände (Paul Mc Carthy, Right Hand 2001) oder Hände an der Scham des Geliebten (Wolfgang Tilmans, Lutz & Alex holding cock 1992). Wie so häufig, überlistet Tilmans die Betrachter seiner Fotografien, indem er sich in ihnen der Ästhetik von Werbefotografien bedient, die einer Jugendkultur huldigen, dabei jedoch mit Motiven arbeitet, die es gerade in solchen Aufnahmen niemals geben würde.

Präsentiert werden schließlich wahre Inkunabeln der Fotografiegeschichte wie etwa Edward Muybridges’ Serie Bewegungsabläufe der Hand aus dem Jahr 1887 oder die nicht minder beeindruckende Bilderfolge von Pedro E. Guerrero aus dem Jahr 1953, in der Frank Lloyd Wright gestenreich einen seiner architektonischen Entwürfe erklärt. Dabei hätte ich beinahe vergessen, mein eigenes Lieblingsfoto zu erwähnen, das Robert Doisneau 1952 anfertigte. Es zeigt Pablo Picasso am Küchentisch seines Hauses im südfranzösischen Vallauris. Sein schelmisch weicher Blick ist nach draußen gerichtet und lenkt beim Betrachten des Fotos für einen kurzen Moment ab von der Pointe, die Picasso für uns bereit hält: Anstelle seiner eigenen hat er Hände aus Brotteig geformt und für uns auf dem Tisch drappiert.

Robert Doisneau

Die Ausstellung „Speaking with Hands“ im Essener Museum Folkwang ist täglich (außer montags) vom 20. Mai bis 30. Juli 2006 von 10 bis 18 Uhr (freitags bis 24 Uhr) geöffnet. Sie wird anschließend in St. Petersburg zu sehen sein.

(1) Mit der Unterstützung der Essener Ausstellung setzt FSB eine um des Menschen wichtigstes Werkzeug kreisende Tradition fort. Zu ihr gehören die Initiierung von Veranstaltungen und Workshops, die eine neue Sicht auf Hand und Griff eröffnen, sowie eine mittlerweile 16 Bände umfassende Buchedition. Deren erstes Werk „Greifen und Griffe“, das Jürgen W. Braun gemeinsam mit Otl Aicher Mitte der 1980er Jahre verfasste, führt eine grundlegende Auseinandersetzung mit der Natur des Greifens und reflektiert dabei die zivilisatorische Bedeutung der Hand bzw. ihrer Werkzeuge.


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