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Rede zur Architektur 2007:

Reduktion + Konzentration = SANAA

Von Bettina Rudhof

Seit sieben Jahren schon lockt die allsommerliche Veranstaltungsreihe Wege durch das Land kulturinteressierte Menschen nach Ostwestfalen-Lippe. In der besonderen Atmosphäre von Klöstern und Schlössern kommen die von überall her anreisenden Gäste zu Konzerten, Vorträgen und Lesungen zusammen. Einen besonderen Höhepunkt stellen dabei die Beiträge internationaler Künstler und Literaten dar, fester Bestandteil ist stets eine Rede zur Architektur. Das schlüssige Konzept und die elegante Durchführung der gesamten Reihe verdanken sich der Kulturwissenschaftlerin Dr. Brigitte Labs-Ehlert. Die Planung und Durchführung der Rede zur Architektur wird von dem nicht nur für seine eigene Produktkultur, sondern schon traditionsgemäß auch für seine Welt- und Kulturoffenheit bekannten Beschlägehersteller FSB aus Brakel unterstützt.

Die diesjährige Architektur-Veranstaltung fand am 22.Juli im Gräflichen Parkhotel in Bad Driburg statt. Auf Einladung von FSB sprach im vollbesetzten großen Festsaal des Parkhotels Ryue Nishizawa vom Tokyoter Architekturbüro SANAA zu mehr als 400 Gästen. Der Vortrag des jungen und doch schon weltberühmten japanischen Architekten und das anschließende Konzert der Rabih Abou-Khalil Group waren zweifellos ein Höhepunkt des diesjährigen Kulturfests. Mühelos schloss die Veranstaltung damit an die des Vorjahrs an, deren Höhepunkt eine mehrstündige Performance des Gesamtkünstlers Robert Wilson war. Wie Ryue Nishizawa kam auch Wilson auf Einladung von FSB nach Ostwestfalen.

„Dieses ambivalente Verhältnis
zwischen Etwas und Nichts,
dieses Schweben von Materialien und Raum
hat uns immer fasziniert.

Seshima And Nishizawa
Associated Architects (SANAA)

Die fürstliche Kulisse des von Bäumen, Büschen und Blüten überbordenden Schlossparks verschwand für eine Weile, als im großen Festsaal die Verdunkelungen heruntergezogen und die Türen geschlossen wurden. Der junge Architekt aus Tokyo eröffnete seinen packenden Vortrag mit der Präsentation einiger auf wenige Linien reduzierte Zeichnungen.

Damit stimmte er das Publikum auf die verblüffenden Bauten des Büros SANAA ein, das er 1995 zusammen mit Kazuyo Sejima gegründet hatte. Binnen weniger Jahre errangen die beiden internationale Anerkennung, mittlerweile bauen sie nicht mehr nur in Japan, sondern überall auf der Welt. Zu ihren bekanntesten Werken gehören das 2005 eröffnete Museum für zeitgenössische Kunst in Kanazawa, der 2006 errichtete Pavillon für das Museum of Art in Toledo (Ohio, USA) und jetzt, als erstes Gebäude auf europäischem Boden, die 2006 in Essen eröffnete Zollverein School of Management and Design.

Ein furioser Beginn: Wohnbauten in Tokyo

Nishizawa eröffnete seinen Vortrag mit der Präsentation einiger Wohnbauten wie dem Moryama Haus, dem in Containerbauweise errichteten Haus A und dem in einer Tokyoter Baulücke errichteten Wohnhaus für zwei Frauen. Schnell wurde deutlich, dass diese Anlagen die Grenzen von öffentlichem und privatem Raum, damit aber auch die sozialen Konventionen des Wohnens neu definieren und zugleich einen anderen Umgang mit den Dingen des alltäglichen Lebens ermöglichen.

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Sichtbar wurde dies in der Präsentation des Moryama Hauses, mit dem sich die beiden Architekten überzeugend von der weltweit altvertrauten Konvention zu lösen wussten, Wohnraum, Schlafzimmer, Küche, Bad und Speisekammer schlicht in ein Gebäude zu stecken und den Garten hinter dem Haus anzulegen. Statt dessen verteilten sie die verschiedenen Funktionen auf einzelne Container, die sie in lockerer Ordnung auf einem Eckgrundstück im dicht besiedelten südlichen Tokyo aufstellten. In den damit geschaffenen Zwischenräumen legten sie kleine Höfe und Gärten an.

Ein ätherisches Gebilde: Der Erweiterungspavillon des Toledo Museum of Modern Art

Mit ihrem Erweiterungsbau für das Kunstmuseum in Toledo im US-Bundesstaat Ohio demonstrierten die SANAA-Architekten, wie ein schlichter Pavillon durch seine ebenso präzise wie sensible Platzierung, eine ausgeklügelte Statik und den subtilen Einsatz des Werkstoffs Glas zu einem ätherischen Gebilde werden kann.

Der Glaspavillon ergänzt das bestehende Kunstmuseum und enthält eine umfangreiche Glaskunstsammlung, offene Ausstellungsflächen für unterschiedliche Nutzungen und Werkstätten zur Kunstglasherstellung. Seshima und Nishizawa entwickelten das Gebäude nach dem Formprinzip der Zellteilung.

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In der äußeren Glashülle mit ihren abgerundeten Ecken ordneten die Planer gläserne Räume wie organische Zellen in einer ineinander fließenden Abfolge an. Für die Aussteifung des Baus sorgen 19 mm starke, in das leichte Tragsystem eingebundene Stahlplatten. Durch den Einsatz von Weißglas, bei dem der Eisenoxidanteil deutlich reduziert wurde, konnte die Lichtdurchlässigkeit der etwa 3.000 qm großen Wandflächen deutlich erhöht und damit auch die sonst übliche Grünstichigkeit des Glases vermieden werden, eine nachhaltige Verbesserung, die besonders an den Kanten ins Auge fällt. Das Optiwhite-Glas wurde übrigens in Deutschland hergestellt, in China geschnitten, gebogen, vorgespannt und laminiert und von dort in die USA geliefert.

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Die so entstandenen Schichten transparenter Kabinette ermöglichen den Besuchern einzigartige Durch- und Ausblicke in die Ausstellungsbereiche und auf die großen Bäume des umgebenden Parks. Im Verwirrspiel aus Transparenzen und Lichtreflexen bieten drei Innenhöfe Orientierung, zarte weiße Vorhänge dienen als raumgliedernde Elemente. Um den Aufbau des von 90 mm dünnen massiven Stahlstützen getragenen Daches so flach wie möglich zu halten, verlegten die Architekten sämtliche Leitungen und Rohrsysteme in den Boden und die Wände und brachten die technische Versorgung in einem außerhalb liegenden kleinen Container unter.

Das Gebäude birgt ein komplexes, in drei klimatische Zonen unterteiltes ökologisches Energiesystem. Während im öffentlich zugänglichen Bereich ein innerhalb der konstruktiven Hohlräume untergebrachtes Heiz- und Kühlsystem das Klima regelt und dabei auch den Niederschlag von Kondenswasser auf dem Glas verhindert, liefern die Werkstätten zur Kunstglasherstellung (der sog. Hot-Shop), in denen eigens eingeladene Künstler Kurse anbieten, die Energie für die Warmwasserversorgung des gesamten Gebäudes. Das Klima in den Galerien wird durch einen eigenen Heiz- und Kühlkreislauf geregelt.

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Ein Würfel, aus Papier gefaltet, mit der Schere gelocht: Zollverein School of Management and Design

Der 34 Meter hohe Kubus des Essener Schulgebäudes wurde aus nur 30 cm starken Sichtbetonwänden errichtet. Scheinbar spielerisch schnitten die Architekten 134 Öffnungen in die tragenden Außenwände. Die Wirkung eines aus Papier gefalteten Würfels, in den man die Fenster mit der Schere heraus geschnitten hat, entsteht im Zusammenwirken der geometrischen Großform, der extrem dünnen Wände und der unregelmäßigen Öffnungen, mit der die Monumentalität der Großform gebrochen wird. Doch setzt das im Juli 2006 eröffnete Hochschulgebäude nicht nur ästhetisch neue Maßstäbe. Indem die Architekten und ihre Fachingenieure in die einschalige Sichtbetonfassade ein mäanderförmiges Rohrsystem einlegten, konnten die Außenwände thermisch aktiviert und so aktiv gedämmt werden. Die ungewöhnliche Wandheizung wird durch 28 Grad warmes Wasser gespeist, das aus den Gruben der stillgelegten Zeche nach oben gepumpt wird. Freilich mussten Auftraggeber, Architekten und Ingenieure hier auch den Preis experimenteller Freiheit zahlen, da sich nach der Fertigstellung erwies, dass die Innenräume im Winter nicht wärmer als 18 Grad werden. An der Lösung wird bereits gearbeitet.

Tradition und Avantgarde

Schlaglichtartig belegte der Vortrag einmal mehr, dass traditionelle japanische Architektur eine der entscheidenden Wurzeln der Klassischen Moderne und deshalb auch unserer architektonischen Gegenwart war und ist. So hatten tiefengestaffelte Baukörper und karg möblierte, fließende Räume zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts schon Frank Lloyd Wright, Theo van Doesburg und Mies van der Rohe beeindruckt und dazu angeregt, diese Raumauffassung auch auf ihre Entwürfe zu übertragen. Beinahe hundert Jahre später zeigen Nishizawa und seine Kollegin Kazuyo Sejima, das der Dialog avancierter und anspruchsvoller Moderne mit der strengen Methodik traditioneller japanischer Architektur noch lange nicht ausgeschöpft wurde. Dabei gelingen den beiden virtuos leichte und lichtdurchlässige Gebilde, die nicht nur den heutigen Bedingungen von Konstruktion und Energieeffizienz entsprechen, sondern zugleich neue Möglichkeiten aufzeigen. So meiden die Bauten von SANAA Sensation und Imposanz und sind dennoch alles andere als unsinnlich. Große Glasflächen und Atrien, durch die das Tageslicht einströmt, wechseln sich mit präzise platzierten Wandscheiben ab, die das Verhältnis der Innenräume zu der sie umgebenden Landschaft thematisieren. Die Räume bleiben offen und werden durch das meist spärlich eingestellte Mobiliar und ausgewählte Pflanzen gegliedert. Indem sie ihre Bauten auf die essenziellen Erfordernisse von Behausung reduzieren, gelingt es den beiden Architekten, ihre Benutzer für die meditativen Qualitäten des Raumes und die Relativität des Sichtbaren zu sensibilisieren.

Hightech-Minimalismus

Erste Antworten auf die spannende Frage, was nach solchem Beginn denn noch erwartet werden darf, gewährte am Schluss des Vortrags die Präsentation der Entwürfe für die Erweiterung des Berliner Bauhaus-Archivs und ein Studentenwohnheim in Lausanne, mit denen das Büro die dazu ausgeschriebenen Wettbewerbe für sich entscheiden konnte. In Anerkennung ihrer ungewöhnlichen Verknüpfung avanciertester Bautechniken mit traditionellen Methoden der Raumbildung verlieh die Akademie der Künste den SANAA-Architekten in diesem Frühjahr den mit 15.000.- Euro dotierten Kunstpreis der Stadt Berlin. In der Begründung heißt es: „Betrachtet man die Arbeit von SANAA, scheinen sie Alchimisten gleich mit den Aggregatszuständen von Räumen zu hantieren. Das Thema der räumlichen Grenze ist so alt wie die Architektur selbst, und unterschiedlichste Differenzierungsformen durchziehen die Architekturgeschichte. Bei SANAA könnte man sagen, sie arbeiten an dem Phänomen der physischen Grenze bis zur Entgrenzung von Räumen. So liegt ein Reiz ihrer Arbeit in einem extremen Widerspruch. In der vordergründigen Zurückgenommenheit liegt eine extreme Radikalität. Dies bleibt aber nie ein formales Spiel sondern findet immer seine Bedingung in einer projektspezifischen Programmatik."

Für einen passenden Abschluss der Veranstaltung sorgte dann der Musiker und Komponist Rabih Abou-Khalil, der zu den Pionieren einer einzigartigen Verbindung orientalischer, europäischer und nordamerikanischer Klangwelten gehört. Seine von Meistermusikern aus Frankreich, Italien, Sardinien und den USA interpretierten Kompositionen lassen – der Arbeit von SANAA verwandt - aus den verschiedenen Kulturelementen etwas ganz Eigenes, in sich Schlüssiges entstehen. Die Mischung aus arabischer Musik, Jazz und Blues überrascht in der überwältigend schönen Harmonie, ist voller Rhythmik und begeistert das Publikum zwischen Montreal und Beijing.

Die vorgestellten Projekte (Auswahl):

Moriyama House, Tokyo, 2005
House A, Tokyo, 2006
Erweiterung des Toledo Museum of Art, der sog. Glas Pavillon, Toledo (Ohio), 2006
Museum für zeitgenössische Kunst in Kanazawa, 2005
Zollverein School of Management and Design, Essen, 2006
Museumserweiterung des Bauhaus Archivs, Berlin, 1. Preis, Wettbewerb 2006
Studentenwohnheim Lausanne, 1. Preis Wettbewerb 2006

Die Fotos und Zeichnungen wurden uns freundlicherweise von Herrn Nishizawa zur Verfügung gestellt.

Für Interessierte ist das nachfolgende Buch empfehlenswert:

"Kazuyo Sejima + Ruye Nishizawa, SANAA"
von Moritz Küng, mit Fotografien von Walter Niedermayr,
erschienen bei Hatje Cantz, Ostfildern 2007

Auch die diesjährige Rede zur Architektur wird im Rahmen der FSB-Edition als Buch erscheinen.



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