

Von Bettina Rudhof
Seine minimalistische Choreographie, seine ungewöhnlichen Bild- und Formsprache und die fremdartige Lichtregie seiner Inszenierungen haben den amerikanischen Opern- und Theaterregisseur, Autor, Maler, Architekt und Bühnenbildner Robert Wilson seit den 1970er Jahren weltberühmt gemacht. Gilt die gemeinsam mit dem Komponisten Philipp Glass erarbeitete Oper Einstein on the Beach als sein Meisterwerk, ist er dem deutschen Publikum vor allem wegen dem unterschiedliche Produktionen aus fünf Ländern umfassenden Opus CIVIL warS bekannt, bei dem er auch mit dem Dramatiker Heiner Müller zusammengearbeitet hat. Große Anerkennung erfuhr Wilson für das an der Berliner Schaubühne aufgeführte Stück Death, Destruktion & Detroit I + II und die am Hamburger Thalia aufgeführte Freischützbearbeitung The Black Rider mit Musik von Tom Waits.
Der Initiatorin der traditionsreichen Veranstaltungsreihe Wege durch das Land, Brigitte Labs-Ehlert, und FSB als Hauptsponsor ist es zu verdanken, dass im Essener Folkwang-Museum am 20. Mai diesen Jahres 400 Gäste eine dreistündige Bühnen-Performance Wilsons erleben konnten. Dabei sprach der 64-jährige Star vor allem über seine Jugend in New York und seine Anfänge als Gesamtkunstwerker.
Von Waco nach New York
Mein Versuch, über dieses Ereignis zu schreiben, führte mich zunächst in meine kleine Bibliothek, deren Aufbau scheinbar ungeordnet, doch einem strengen System folgt, das sich Außenstehenden nicht gleich erschließt. Ich hoffte, dort ein vor ein vor fünfzehn Jahren erschienenen FAZ-Magazin zu finden, in dem ein Artikel über Robert Wilson damals meine Aufmerksamkeit erregt hatte. Diesmal allerdings ließen mich die Kriterien der Archivierung im Stich, nach denen ich mich sonst problemlos zurechtfinde. Das Heft mit dem Artikel fand sich weder unter der Rubrik experimentelle Architektur noch unter der Rubrik Bühnenbild und auch sonst in keiner der nächstliegenden Kategorien. Je intensiver ich mich mit dem Künstler beschäftigte, desto klarer wurde mir, dass dies weniger an meinem System als an seiner Person und seinem Werk lag.
Geboren wurde Robert Wilson am 4. Oktober 1941 in der texanischen Kleinstadt, die in ihrer näheren Umgebung als Sammelort von Viehtransporten bekannt und im aufgeklärten Amerika der East-Coast als Synonym für ein engstirniges, hinterwäldlerisches Provinznest sprichwörtlich ist. Der junge Wilson litt an einer schweren Sprechstörung, von der ihn die Tänzerin Byrd Hoffmann heilte. Da sein Vater, der Bürgermeister von Waco, ihn zu seinem Nachfolger machen wollte, studierte der 17–jährige im nahe gelegenen Austin zunächst Betriebswirtschaft. Nachdem er sich 1961 als Homosexuellen „outete“, war klar, dass ihm in der texanischen Provinz kaum eine Zukunft offen stehen würde. Kurzentschlossen zog er nach New York und studierte am berühmten Pratt Institute Kunst und Architektur. Der Sprach- und Beziehungslosigkeit seiner Kindheit und Jugend in Texas widmete er später den Kurzfilm „Video 50“ (1978).
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Architektur lernte er bei Daniel Stern, Paolo Soleri und Sibyl Moholy-Nagy, Choreographie bei Georg Balanchine und Merce Cunningham, prägende Eindrücke empfing der 20-jährige Wilson von John Cages „formell inszenierten Tanzperformances“. Noch heute betont er die hohe Qualität dieser Ausbildung und schwärmt besonders von „Sibyls schockierender Methode“, einfach in die Klasse zu kommen und die Studenten aufzufordern, in drei Minuten - „Fertig? Los!“ - eine Stadt zu entwerfen: „In ihren Vorlesungen präsentierte sie uns in schneller Folge ein Auto von 1950, ein Renaissance-Gemälde, einen barocken Kandelaber, ein byzantinisches Mosaik, einen Stuhl von Frank Lloyd Wright, einen Schuh aus dem frühen 19.Jahrhundert – nahezu zwangsläufig brachte mich das auf den inneren Zusammenhang von Architektur und Theater.“
Surrealistische Anfänge
Irgendwann in diesen Jahren beobachtet er an einer Straßenecke einen Polizisten, der einen farbigen Jungen schlägt. Er schreitet ein und findet heraus, dass der 13-jährige Raymond Andrews taubstumm ist. Vollkommen unterfordert, vegetierte der Heranwachsende in einer geschlossenen Anstalt vor sich hin, um schließlich in der Flucht den letzten Ausweg zu finden.
Robert Wilson nimmt sich des Jungen an und adoptiert ihn, gemeinsam leben sie in einem ehemaligen Speichergebäude in der Spring Street, dessen drei Wohngeschosse Wilson auch als Bühnenraum nutzt. Dort erarbeitet er gemeinsam mit ihm eine wortlose Theaterinszenierung und lernt durch seinen Adoptivsohn, „mit dem Körper zu hören und zu sprechen“. Die präzisen, langsamen Bewegungen der Akteure der siebenstündigen Aufführung (Deafman Glance) erregen nicht nur die Aufmerksamkeit der New Yorker: Der französische Modeschöpfer Pierre Cardin lädt die beiden ein und bittet sie das Stück in Paris aufzuführen. Nach der Aufführung huldigt der surrealistische Schriftsteller Louis Aragon Wilsons Arbeit: „Wovon wir, von denen der Surrealismus ausging, geträumt haben, das wurde von ihm eingeholt, indem er über uns hinausging.“ Mit den Surrealisten verbindet ihn die Sensibilität für Menschen, die wegen ihres willentlichen oder unwillentlichen Andersseins gesellschaftlich geächtet werden. Das Leid, das ihnen täglich widerfährt, ist ihm aus den eigenen Kindheitserfahrungen vertraut, in denen er sich in eine „Normalität“ versetzt sah, die er damals nicht zu verstehen vermochte und später nicht verstehen wollte.
„Wer kümmert sich darum, dass Dein Geist ruhig und sanft wird?“
(Christopher Noles)
Zurückgekehrt aus Europa, gründet er in respektvoller Erinnerung an seine Therapeutin Byrd Hoffman die "Byrd Hoffman School of Byrds", eine Theaterschule für Laien, die er in den Straßen und Bars von New York kennen lernte. Er arbeitete mit geistig und körperlich behinderten Kindern in Harlem und therapierte schwerkranke Patienten in städtischen Krankenhäusern. An einer New Yorker Klinik choreographierte er ein Ballett für Patienten, die an eine Eiserne Lunge angeschlossen waren. Die Teilnehmer bewegten mit ihren Mündern leuchtende Bänder, während der Hausmeister des Krankenhauses als Miss America verkleidet auf der Bühne tanzte.
Anfang der 1970er Jahre lernt Wilson den halbwüchsigen Christopher Noles kennen, den seine Eltern und seine Lehrer für geistig unterentwickelt halten. Er verbringt viel Zeit mit dem Jungen, analysiert den Rhythmus seiner unverständlichen Worte, entschlüsselt seine Sprachmuster und beginnt, sich künstlerisch mit asignifikanter Sprache auseinander zu setzen. Nachdem es ihm gelang, die Eltern zu überreden, Chris aus dem Heim zu holen, nimmt Wilson ihn mit zu Proben seines Theaterstücks The Life and Times of Joseph Stalin (1973), das er damals in Kopenhagen, New York und Sao Paolo inszenierte. Dem „geistesgestörten“ Jungen gefiel es auf der Bühne, und eines Tages trug er aus heiterem Himmel einen Text vor. Befragt, was das sei, antwortete er, das es sich um einen Brief an die Königin Viktoria handele. Das Erlebnis beeindruckte Wilson so sehr, dass er daraus 1974 eine eigene Inszenierung entwickelte, der er den Titel Brief an Königin Viktoria gab. Danach löste Wilson die Schauspieltruppe der Byrds auf, wandelte die Schule in eine Stiftung um und begann, in Begleitung seiner beiden Berater Raymond und Chris mit professionellen Schauspielern zu arbeiten.
Einstein am Strand
Wilsons ganzer Ernst zielt darauf, den Blick der Zuschauer für die Poesie der Außenseiter, für seine und deren Art brut auf der Bühne zu schärfen. Dabei lässt er sich durch die realsurrealistischen Situationen des Alltagslebens inspirieren, die er auf der Bühne vermittels fragmentierter und artifiziell ausgeleuchteter Bühnenbilder noch einmal verfremdet. Seine unberechenbare Kreativität führt ihn zu immer neuen, fantastischen Inszenierungen, bei denen der Anteil des ästhetisch Verrückten nicht unterschätzt werden darf: Wenn Raymond ihm beiläufig von einem großen Frosch erzählt, der während des Mittagsessen am linken Tischrand saß, findet sich das Tier – zufällig, nicht zufällig? – in seiner Inszenierung der Medea wieder. Da schauspielerische Arbeit für Wilson primär körperliche Arbeit ist, lehnt er ausgiebige intellektuelle Diskussionen im Vorfeld einer Inszenierung ab und hält seine Schauspieler zunächst dazu an, „einfach drauflos zu spielen“. So holte er während einer Inszenierung seiner Oper Einstein am Strand seine Großmutter vom Flughafen ab und brachte sie umstandslos auf die Bühne – in der Rolle der Königin Viktoria. Da es einen festgelegten Text nicht gab, erzählte sie den Zuschauern von den vielen unterschiedlichen Medikamente, die sie damals einnehmen musste. Als ihr die Scheinwerfer zu grell wurden, setzte sie sich während ihres Auftritts eine Sonnenbrille auf.
Da Wilson die 60 nackten Schwangeren, die ihm sein Adoptivsohn für die Inszenierung von The Live and Time of Sigmund Freud vorschlug, nicht auftreiben konnte, brachte er statt ihrer sechzig Strauße auf die Bühne. Auf Wunsch von Chris wurde ein Hochsitz auf die Bühne gestellt, er stieg nach oben, um von dort zu angeln. Charakteristisch für dieses Stück wie für alle Arbeiten Wilsons sind die präzisen Bewegungen und Gegenbewegungen im Zeitlupentempo: Braucht eine Schildkröte in The Live and Time of Sigmund Freud 33 Minuten, bis sie die Bühne überquert hat, so hält sich im vierten Akt von Einstein als Träumer vor Gericht ganze 16 Minuten lang gar niemand auf der Bühne auf, von der herab während dieser Zeit Sopran-Gesang erklingt.
Arbeiten wie diese haben Wilson zu einem der meistbeschäftigten und erfolgreichsten, mit zahlreichen Preisen geehrten Regisseuren des internationalen Theaters werden lassen. Er produzierte bisher über 100 Stücke, Soli, Filme und Workshops und entwarf dazu Bühnendekorationen und Möbel. Neben seinen Theaterarbeiten ist Wilson als Maler, Zeichner und Designer tätig, seine erste Einzelausstellung fand 1976 in der New Yorker Paula Cooper Gallery statt. Für das Mozartjahr 2006 erhielt er Auftrag, in dessen Salzburger Geburtshaus eine Dauerausstellung einzurichten, in der er Originalausstellungsstücke mit eigenen Arbeiten kombiniert. Stiche mit Salzburger Ansichten hat Wilson auf den Kopf gestellt, und in Mozarts Geburtszimmer findet sich ein Kinderbett mit einer Puppe, über der ein Neonring aufgehängt ist.
Den gesuchten Artikel des FAZ-Magazins fand ich dann übrigens in der Rubrik Lebensreform heute , neben einem Bericht über das vom Psychiater Leo Navratil gegründete „Zentrum für Kunst- und Psychotherapie“ im österreichischen Gugging und Übersetzungen von Liedtexten der Rocksängerin Patti Smith. Im Prestel-Verlag erscheint demnächst das Buch Absolute Wilson , dessen Autorin dazu auch einen Film gleichen Titels produziert hat.
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