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Willy-Brandt-Haus

Lübeck

In zentraler Innenstadtlage, von den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs verschont, reiht sich in der oberen Königstraße von Lübeck eine historische Gebäudefassade an die andere. Neben anderen Kaufmannshäusern strahlt auch das vornehme Patrizierhaus der Nr.21 mit seiner eindrucksvollen Rokokofassade hervor. Neben dem Behnhaus die richtige Adresse, um den bekannten Sohn der Stadt, Willy Brandt, mit einer Gedenkstätte zu würdigen.

Die lange und wechselvolle Geschichte des Hauses – mal Residenz der wohlhabendsten Kaufleute von Lübeck, mal höchstes Gericht der freien Reichsstädte Bremen, Frankfurt am Main, Hamburg und Lübeck – findet nach der Fertigstellung der Sanierungsarbeiten Ende 2007 als Willy-Brandt-Haus seine Fortsetzung. Als Außenstelle der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung in Berlin beherbergt es deren Gedenk-, Bildungs- und Begegnungsstätte. Ebenfalls in dem Gebäude untergebracht ist der Bereich Denkmalpflege der Stadt Lübeck. Nicht nur Willy Brandt, der in seiner Jungend das Gymnasium in der direkten Nachbarschaft besuchte, dürfte mit der Wahl der Örtlichkeit zufrieden sein. Auch für den Bereich Denkmalpflege konnte es keine bessere Standortwahl geben. Das passenderweise denkmalgeschützte Haus stellt eine gelungene Kombination von restaurierter historischer Struktur und Elementen moderner Architektur dar. Dass der Bereich Denkmalpflege in einem Gebäude residiert, welches mit dem Satteldach auf dem zweigeschossigen Seitenflügel einen Beitrag zur Wiederherstellung der historischen Dachlandschaft leistet, dürfte ein willkommener Bonus sein.

Das von der Architektengemeinschaft Tillmann und Zill angestrebte Sanierungsziel, die richtige Balance zwischen alt und neu zu finden, wurde mit Bravour erreicht. Diese Balance ist es, die das Gebäude als Repräsentant von Reichtum und Macht des hansestädtischen Bürgertums in einem zeitgemäßen Kontext erlebbar macht. Hier trifft man auf Großbürgertum in Reinform, gepaart mit neuen architektonischen Ideen. Das bauliche Konzept sah neben Erhalt und Sanierung des Gebäudes eine zusätzliche Aufwertung dergestalt vor, dass moderne Versatzstücke oder, wie es der Architekt Manfred Zill beschreibt, „zeitgemäße Elemente“ vornehmlich aus Glas und Stahl homogen in den Baukörper eingebunden wurden.


Ein dreigeschossiges, giebelständiges Vorderhaus mit Rokokofassade steht einem zwei- und einem eingeschossigen Seitenflügel vor. Die heute wieder in ihrer ursprünglichen Form hergestellte noble Putzfassade im Zopfstil stammt aus dem Jahre 1779 und sticht durch Trophäenschmuck und figuralem Schmuck auf dem Kranzgesims hervor. Beim Betreten des Gebäudes schreitet man, vorbei an einem Pilastertor aus Sandstein, durch eine wunderbar geschnitzte Doppeltür. Eines der stattlichsten Treppenhäuser Lübecks, ausgehend von dem mit weißem Marmor belegten Flur, lässt die Impressionen des Rokokostils auch im Inneren des Hauses lebendig werden.

Glas und Stahl als bewusst eingesetzte moderne Elemente schlagen die Brücke aus dem Rokoko in die Jetztzeit. In der Funktion von Raumtrennern, die dem hineinströmenden Licht kein Hindernis in den Weg räumen, fallen sie als unverkennbar neue Materialien auf und gehen dennoch eine Liaison mit den historischen Baustoffen ein. Die Türzargen, ebenso wie die breiten Fußleisten und verschiedene Holzvertäfelungen an den Wänden weisen eine Graufärbung auf, die sich in dem Farbton des Stahls widerspiegelt. Durch den graziösen Dekorstil der Holzornamente geht der im Eingangsbereich gewonnene, imposante Eindruck der Rokokoarchitektur trotz moderner Elemente in keinem Zimmer des Hauses verloren.

Neue Türen wurden in alte Rahmen eingepasst. Verbindungsstücke aus schlicht gearbeitetem Stahl, aber so filigran gearbeitet, dass sie an das Rokoko erinnern, halten auch hier die gelungene Verbindung zwischen alt und neu aufrecht. Die historischen Fenster konnten erhalten werden und wurden lediglich durch neue Außenfenster „abgedichtet“.

In dem von den Architekten eigens für das Willy-Brandt-Haus entwickelten Beschläge-Programm findet die Idee des Brückenschlags zwischen alten und neuen Elementen ihre Fortsetzung. Türdrücker und -griffe wurden ebenso wie die Fenstergriffe den historischen, großformatigen Formen des Rokoko angepasst. Damit entsteht eine gelungene Melange von passendem Design mit modernem Aussehen. Dank einfacher, reduzierter Form und beschichtetem Edelstahlmaterial gelingt eine gut abgestimmte Eingliederung der neu hinzugefügten Bauelemente. Die Drücker und Griffe wurden in ihrer Länge und Schildhöhe den vorhandenen Elementen angepasst. Um in der Wertigkeit den historischen Materialien nicht hinten an zu stehen, wurde die Farbe der Beschläge einem Eisenglimmerton angelehnt. Somit ergibt sich eine gelungene Kombination verschiedenster Baustoffe, die ein harmonisches Miteinander eingehen.

Fotos: Bernadette Grimmenstein



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