

Feuer, Wasser, Luft und Erde – die vier Elemente, aus denen sich alles Sein auf der Erde zusammensetzt. Der Philosoph Thales von Milet war der erste, der diese Ansicht formulierte. Nach ihm kamen weitere Philosophen, die sich dieser Ansicht anschlossen. Unter ihnen solch berühmte wie Platon und sein Schüler Aristoteles. Platon ordnete den Elementen geometrische Körper zu, die dieselbe Besonderheit aufweisen. Alle Kanten, Winkel und Seiten sind untereinander gleichartig. Der Hexaeder, oder schlicht Würfel genannt, ist eine von insgesamt fünf Formen, die heutzutage unter dem Namen platonische Körper bekannt sind. Damit zunächst genug der philosophisch-mathematischen Ausführungen und rein in die aktuelle Welt der Architektur.
Wir befinden uns in Engelsbrand, einer Gemeinde im Nordschwarzwald. Dort unternahm der Architekt Florian Stocker den Versuch, philosophischen Ideen von Denkern wie Aristoteles, Platon, Descartes und Heidegger einen stofflich materiellen Ausdruck zu verleihen. Auf einem 92 Ar großen Areal baute er ein bestehendes Wohnhaus zu zwei kleineren Wohnungen um, umgab diese mit einem großzügig dimensionierten Landschaftspark mit Pavillons und Schwimmbecken. Gewässer schlängeln sich natürlich durch das Gelände, ergießen sich als Bäche zwischen den beiden Hälften des Umbaus, die mit einer Brücke verbunden sind, und wachsen schließlich zu Weihern an. Das Ensemble ergänzen kleinere Gebäude, die sich in die philosophischen und topographischen Ideen des gesamten Komplexes einreihen.
Für Florian Stocker spiegelt das gesamte Anwesen die ruhige Suche nach der „quinta essentia“, dem fünften Seienden, dem Element, das die anderen Elemente in sich vereint, wider. Aristoteles meinte dieses Element im Äther gefunden zu haben. Über zwei Jahrtausende später begibt sich Stocker erneut auf die Suche nach dieser Quintessenz und versucht ihr mit einem Mix aus klassischen Formen wie Tetra- und Hexaeder bis hin zu artifiziellen Landschaften auf die Spur zu kommen. Für ihn muss sich Architektur „in den vorgefundenen Kontext einfügen, sich aus den Bedingungen des Ortes heraus entwickeln“.
Jedes bauliche und gestalterische Element des Topoi Engelsbrand hätte eine ausgiebige Betrachtung verdient. Allein schon der Umbau des bestehenden Wohnhauses nach dem Prinzip „panta rei“, wonach alles im Fluss ist, würde sich für eine ausgedehnte philosophisch-architektonische Betrachtung eignen. Doch soll der „genius loci“ des gesamten Anwesens an dieser Stelle (fast sträflicherweise nur) mit einem Zitat von Goethe in Anlehnung an Heraklit bedacht werden: „Gleich mit jedem Regengusse / Ändert sich dein holdes Tal, / Ach, und in dem selben Flusse / Schwimmst du nicht zum zweitenmal.“
Unser Blick fokussiert einen speziellen Topos, das Wohnhaus „Hexaeder“, das den Ankömmling auf dem abschüssigen Gelände am Eingang des Besitztums begrüßt. Der Hexaeder ist nicht nur Namens-, sondern auch Formgeber dieses Neubaus. Im Sommer 2009 fertig gestellt, positioniert er sich auf 220 Quadratmetern durch seine exakten geometrischen Formen als auffällige Marke. Der leicht überhöhte Würfel aus hellen Sichtbetonplatten mit regelmäßigen Schalungsankern erinnert in der Strenge seiner Geometrie an einen Wachturm, der das dahinter liegende Gelände überblickt. Kleine Sichtschlitze sich abwechselnd mit großen Fensterfronten sorgen für eine Auflockerung der Strenge.
Frei nach Aristoteles sehnt sich hier der Stoff der Form entgegen. Stoff und Form gehören nach Aristoteles unwiderruflich zusammen, sie bestehen quasi in natürlicher Koexistenz. Der Philosoph merkt dazu an: „Wäre ein Haus ein Naturprodukt, es käme auf demselben Wege zustande, wie es faktisch durch menschliche Arbeit hergestellt wird“. Florian Stocker wendet diese Idee auf seine Architektur an und schafft einen kontrapunktisch zur umliegenden Landschaft erscheinenden Baukörper, der dennoch den Dialog mit dieser sucht. „Architektur, die keine Interdependenz schafft, die Auseinandersetzung mit dem Ort ignoriert, ist immer schlecht“, so Stocker. Auch und gerade der bewusste Kontrast ist es, der zur positiven Veränderung eines Ortes beiträgt.
Einen weiteren Kontrapunkt zur schlichten Außenhülle: die verspielten Innenräume des Hexaeders, in die massiv durch zweigeschossige Fenster das Sonnenlicht eindringt. Niedrige Geschosshöhen wechseln sich mit hohen luftigen Räumen ab. Die Besonderheiten sind es, die dem Inneren einen unverwechselbaren Charakter verleihen. Platz zum Arbeiten bietet die begehbare Bibliothek, in der Kaminecke lädt eine integrierte Sitzbank zum Verweilen ein. Ein weiterer Rückzugsraum: die Sitznische im Bad. Weiße Innenwände, hellbraune Holzfußböden und gekonnte Holz- und Metallakzente erwecken ein edles Ambiente zum Leben. Neben lokal gewonnenen Materialien, wie den Maulbronner Sandstein, fand für den Innenausbau das Holz einer ganz besonderen Eiche Verwendung. 200 Jahre verbrachte sie vor Ort ihr Dasein, ehe ein Blitzschlag dem ein jähes Ende setzte. Nun ist sie Teil des Hexaeders und damit Teil eines der platonischen Elemente geworden.
Mit den vier Elementen nahm es seinen Anfang, mit den vier Geboten des Greifens nimmt es seinen Abschluss. Denn nicht nur Stocker setzt bei dem Topoi Engelsbrand auf Philosophie. Auch FSB fügt dem ganzen seine eigene Philosophie hinzu. Wie einst Aristoteles die Welt begreifen wollte, möchte FSB das Greifen begreifen. Vier Gebote sind es nach Meinung von FSB, die ein optimales Greifen ermöglichen: Daumenbremse, Zeigefingerkuhle, Ballenstütze und Greifvolumen. Und der im Hexaeder verbaute Türdrücker 1144 nach dem Design von Jasper Morrison vereint diese vier Gebote in sich. Das beruhigte Auge lässt die Hand zugreifen. Der Daumen findet seinen Platz. Der Zeigefinger seine Kuhle. Die Hand wird ballig geführt und hat Greifvolumen. Der Türdrücker 1144 schmeichelt sowohl dem Auge wie auch der Hand. Stoff und Form finden gelungen zusammen, so wie sie im ganzen Gebäude des Hexaeders zusammenfinden. Genauso wie es Stocker schafft, seine Architektur in den vorgefunden Kontext einzubetten, fügt sich der Türdrücker 1144 in den Kontext des Gebäudes ein. Vielleicht sähe selbst Aristoteles im Hexaeder oder vielmehr im gesamten Topoi Engelsbrand eine seiner Ideen verwirklicht, nämlich das durch Menschenhand ein Gebilde der Natur zum Abschluss gebracht worden ist.
Fotos: Brigida Gonzáles