

„Die Menschen sind nicht viereckig. Sie denken auch nicht viereckig und sie fühlen auch nicht viereckig.“ Mit diesen Worten beschreibt der Architekt Günther Domenig nicht nur den Menschen, sondern zugleich seine Philosophie des Bauens, die sich vermutlich in keinem anderen Gebäude als in seinem Steinhaus eindrucksvoller umgesetzt findet. Ganz wie der Mensch in Denken und Fühlen, so ist auch bei seinem Steinhaus von der zitierten Viereckigkeit nichts zu entdecken. Futuristisch wirkt es, einzigartig, extravagant – in gewissem Sinne naturgleich, sich nicht den Regeln von Symmetrie und Wiederholbarkeit unterwerfend. Ein Gebäude, dass seine ganz eigene Formensprache spricht und sich mit seinen Steinelementen lieber an die felsige Landschaft der Ostalpen als an gängige Architekturkonzepte anlehnt; eine Hommage an seine Heimat, die er nach 22 Jahren Bauzeit 2008 endlich vollenden konnte.
Was darf Architektur? Welches sind die neusten architektonischen Trends? Fragen, mit denen sich ein Günther Domenig nicht zu beschäftigen scheint. Sein Steinhaus, im österreichischen Steindorf in Kärnten gelegen, legt Zeugnis davon ab, wie wenig sich Domenig von anderen Architekten beeinflussen lässt. Das Magazin Spiegel spricht in einem sich eigens mit diesem Gebäude beschäftigenden Artikel von einer sich in „Stahlbeton auftürmenden Obsession“ und davon, dass Domenig mit seinem Steinhaus „die Vorstellung von dem, was ein Haus ist“ zertrümmert.
Eine eindeutige Geometrie sucht man vergebens. Sein Gebäude ist der Inbegriff von dekonstruktivistischer Architektur. Struktur und Form unterziehen sich simultan den Prozessen von Destruktion und Konstruktion. Überlagerungen und fragmentarisch erscheinende Elemente erzeugen ein dynamisches Erscheinungsbild. Was wahllos und zufällig wirkt, ist der akribischen Handschrift des Architekten zu verdanken. Die Genialität dieses Konstrukts drückt sich darin aus, dass diese vermeintlich überraschend und unpassend zusammengesetzten Teile sich zu einem ausgereiften, ja fast homogenen Ganzen verschmelzen. Asymmetrie und Rohheit bilden den Untergrund, auf dem sich ein kleines Felsmassiv auftürmt.
Vorherrschendes Oberflächenmaterial ist der Sichtbeton, in seinen materialen und farblichen Eigenschaften dem Fels sehr nahe kommend. Die zahlreichen Steinblöcke liegen nebeneinander, schichten sich übereinander, verbinden sich über Betonstreben und -pfeiler. Spitze Kanten wechseln sich mit gebogenen Profilen, eckige Flächen mit geometrisch unbestimmten Formen ab. In einem Moment erinnert das Gebäude an eine Felslawine, bei der sich große Gesteinsbrocken aufeinander getürmt haben, im anderen Moment meint man eher den geordneten Charakter eines Festungsbaus wahrnehmen zu können. Mal gerade, mal schräge Fensterflächen durchbrechen das Massiv aus Beton von Zeit zu Zeit. Ein großer, leicht verspiegelter Glaswürfel bildet den hinteren Teil des Hauses und von hier gelangt man ins Freie, in den Garten, zum See. Hinter dem Glas erzeugen die kleinen Metallstreben mit ihrer rechtwinkligen Anordnung ein schachbrettartiges Muster. Im Freien verbinden sich Stahlträger zu einer Art Rahmung der Rasenfläche. Sie wirken wie das Gerippe einer großen Zelthalle, unter der ein kleineres Zelt, diesmal aber mit „intakter“ Glasüberdachung Schutz sucht. Ähnlich wie bei einer Zugbrücke gelangt man, den Brückenkopf in Form einer Betontreppe erklimmend, über die Metallbrücke in den oberen Bereich der „Festung“. Betonstreben krallen sich seitlich zur Brücke in den Boden, erlauben dem Steinhaus einen sicheren Halt in der Landschaft. Verkleidungen aus Stahlblech überdecken an einigen Stellen die Betonfassade. Besonders augenfällig werden sie bei den auf Betonpfeilern thronenden Gebäudekörpern, die, an – Wachtürme erinnernd – die Umgebung durch die leicht zurückgesetzten Fenster unauffällig beobachten.
Das Zentrum des Steinhauses ist der Spiralraum, der sich mittig bis zum Grundwasser hinunter bohrt und einen unterirdischen Brunnen bietet. Im Inneren des Gebäudes befinden sich Arbeits- und Gemeinschaftsräume, eine Teeküche mit Essplatz und ein Konferenzraum. Eine Nutzfläche von 655 Quadratmetern verteilt sich auf fünf Stockwerke und bietet ausreichend Platz für Ausstellungsräume und Arbeitsbereiche für Studenten. Der so genannte „Schwebestein 3“ ist allein Günther Domenig als Rückzugsgebiet vorbehalten. In den Innenräumen zeichnet sich die gleiche Materialität wie die der Fassade ab. Beton, Metall, Glas, teils robust, teils zierlich wirkend, erzeugen ein Ambiente postmoderner Baukultur. Bei der von außen wahrgenommenen zergliederten Gebäudestruktur würde man nicht vermuten, dass einen hier groß dimensionierte Räume erwarten, die trotz des vielen Betons keineswegs dunkel wirken. Der Trend zur ausgefallenen Geometrie setzt sich fort. Schiefe Stahlstreben, Betonpfeiler und metallgerahmte Fenster sorgen für eine außergewöhnliche Innenansicht. Zahlreiche Beton- und Metalltreppen erlauben den Zugang in jede noch so verwinkelte Ecke des Gebäudes. Trotz aller Ausgefallenheit wird erneut das bis ins Kleinste durchdachte Konzept des Steinhauses deutlich. Innen und Außen des Gebäudes wirken perfekt aufeinander abgestimmt.
Ebenso ausgefallen wie das Steinhaus selbst, so muss auch ein Türdrücker sein, der zu diesem Gebäude passt. Domenig überließ auch hier nichts dem Zufall und frönte seiner Akribie und Detailverliebtheit. Der Architekt entwarf einen Türdrücker, der Anleihen an Formgebung und Materialität des Gesamtkonzeptes nimmt. Die Form des Türdrückers – übrigens als „Flügelschlag des Falken“ interpretiert – spiegelt das Konzept des Gebäudes im Kleinformat wider. Teils kreisrund, teils geschwungen, teils spitz, der Geometrie sind auch hier wieder so gut wie keine Grenzen gesetzt. Am Ende wurde dieser außergewöhnliche Türgriff aus Gründen der Verletzungsgefahr doch nicht verbaut.
Stattdessen entschied man sich für schlichte Eleganz, den Türdrücker 06 1016 (vormals 7616 25). Die metallgerahmten Glastüren gehen mit dem feinmatten Edelstahl des Drückers eine gelungene Verbindung ein. Nur wenn die Details stimmen, kann ein solches architektonisches Meisterwerk wie das Steinhaus seine volle Wirkung entfalten. Mit dem Türdrücker konnte FSB einen Stein, der sich in „Stahlbeton auftürmenden Obsession“ beitragen; einen Stein, der sich in Kombination mit allen anderen Steinen zum Monument Steinhaus verbindet. Das schlichte und zeitlose Design des Drückers verschmilzt dabei mit der extravaganten Architektur zu einem harmonischen Ganzen.