

Res publica
Das Bauen, zumal eines souveränen Repräsentantenhauses, ist in erster Linie ein Ausdruck gesellschaftlicher Verfasstheit. Ein derartiges Gebäude, das wie das neue Landesforum und Landesparlament des Fürstentums Liechtenstein zudem in einen städtischen Kontext gestellt ist und dort dem Öffentlichen einen Ort gibt, muss Ausdruck dieser höheren Idee sein.
Gottfried Semper erkannte in der „Koordination und Subordination“ von Raumesindividuen den Ausdruck einer um eine Mitte, in der symbolischen Überhöhung um ein moralisches Element gruppierten Gemeinschaft. Eine Anwendung dieses Prinzips fand er in der Architektur der römischen Kaiserzeit, und hier knüpft auch Camillo Sitte mit seiner Untersuchung des Städtebaus an, wenn er die Bedeutung der „hypäthralen Versammlungssäle“ heraushebt, als die er die Foren verstanden wissen will. Die prominentesten Gebäude einer Stadt versammeln sich um den Platz, der Kern des öffentlichen Lebens ist und damit neben seiner Funktion als Versammlungsort mit symbolischem Inhalt gefüllt wird.
Das „Regierungsviertel“ von Vaduz war bereits in den späten achtziger Jahren Gegenstand städtebaulicher Planungen – damals konnte sich Luigi Snozzi mit seinem Wettbewerbsbeitrag „Polis“ durchsetzen, in dem er dem Ensemble aus Landesmuseum, Verweserhaus und „Großem Haus“ als Sitz der Regierung eine bauliche Fassung gab. Die Flanke des angrenzenden Schlossbergs sollte mit einem geschwungenen Baukörper gefasst, die öffentlichen Gebäude – mit der späteren Einbindung der Kirche St. Florin – durch einen neu gestalteten Platz verbunden werden. Der jetzige Entwurf greift diese Grundthemen auf und zeichnet – zumindest in Teilen – die „raumhaltige Bergwand“ Snozzis durch den geschwungenen Baukörper des Verwaltungstrakts nach. Das „Hohe Haus“, das im Äußeren ein archetypisches Bild eines Hauses darstellt und im Inneren mit seinem Tischrund die Versammlung „um eine Mitte“ fordert, stellt sich in gefügter, dennoch monolithisch wirkender Materialität selbstbewusst neben das Regierungsgebäude.
Rainer Schützeichel
Die Entstehung einer zeitlosen Urform
Das so genannte Große Haus der Regierung als Exekutive stellte bereits eine der drei demokratischen Staatsgewalten. Ein Hohes Haus für das Parlament als Legislative hatte somit im beabsichtigten Regierungsviertel Liechtensteins den anderen Pol deutlich darzustellen. Das Hohe Haus erhält dabei symbolisch die gleiche Höhe wie das Große Haus. Diese herausragende Rolle soll es auch signifikant und eigenständig verkörpern – etwa so wie manche alte Ratshalle noch heute für das Selbstbewusstsein der Bürgerschaft wohlhabender Handelsstädte steht und dabei wenig mehr zu sein braucht als die Urform eines Hauses.
Das „Erste Haus am Platz“, ja sogar das „Erste Haus im Lande“, dem Regierungsviertel das zusammenhängende Gefüge eines Quartiers zu geben – ein hoher Anspruch an einen Bau, der sich sowohl individuell als eine der Staatsgewalten markant darstellt, als auch zugleich rahmend in die Gemeinschaft der Monumente – der civitas, der Gemeinde und der res publica – einfügt, um so Vorhandenes wie Kommendes zusammenzufügen zum forum, zu einer kleinen agora. Es geht um die beste Konvention, nicht um das Opportune. Es geht um common sense, nicht um Besonderheit. Dieses Bewusstsein nimmt vorweg, dass Bauten nicht nur Aufgaben dienen müssen, sondern auch lange Zeiten bestimmen, dabei Orte stiften, Gemeinschaft abbilden und den Geist der Beteiligten verkörpern.
Trotz des 1991 durch ein Volksreferendum gescheiterten Parlamentsprojektes von Luigi Snozzi gilt sein kühner Wurf eines Masterplans seit 1987 als Ziel zu einer räumlichen Ausformung des Städtle zu einem „Regierungsviertel“. Diese uneingelöste Chance zu einem ersten staatlichen und auch städtischen Zentrum wurde im Wettbewerb fast ausnahmslos mit Solitären vertan. Anders formen die Setzungen dieses Projektes ein neues, räumlich erlebbares „Landesforum“ als Gegenpol zum städtischen Zentrum am Rathaus, im Ensemble aus Fragmenten historischer Monumente mit neuen klaren Elementen in Maßstab, Material und Monochromie.
„An dem Ort an dem alles nur besonders sein will, wird am Ende nichts Besonderes zu finden sein“, so Petra Kiphoff (Die Zeit). Unser Bauwerk will nicht egozentriert, nicht formalisiert, nicht übersteigert die Despotie der Solitäre mehren, – sondern versuchen, mit Sinn für Maßstäblichkeit, Raum, Licht und Material die bauliche Verkörperung des Zusammenklangs von grundlegenden Verwurzelungen und übergeordneten Zusammenhängen deutlich zu machen. Doch diese Art von Arbeit bedeutet heute zwangsläufig, unzeitgemäß zu sein – also nach Nietzsche nichts weniger als „die entschlossene Absicht, in der Zeit gegen die Zeit und für eine zukünftige Zeit zu denken und zu handeln“. Denn für eine solche Aufgabe ist – auf besondere Weise dienend – das deutlichste Beispiel zu verlangen. In diesen Kontext werden also klare Elemente gesetzt: das Lange Haus als „dienender“ Flügelbau der internen Bereiche als Hintergrund entlang des Bergfußes, das Hohe Haus als „bediente“ Hauptsache des öffentlichen plenum in seinem Vordergrund und der Große Garten als eingefriedeter Kabinettgarten zur Einfassung der genannten Einzelmonumente.
Durch das Hohe Haus wird die Perlenschnur der im Städtle typischen historischen Reihung von Einzeltypologien fortgesetzt. Seine in schlichter Prägnanz gehaltene Urform verkörpert damit als zeitlose Elementarform den Ausdruck von Selbstverständnis, Gemeinwesen und Bedeutung des Landesparlamentes als bürgerlichem plenum eines prosperierenden Berglandes. Davor wird sich die weiträumigere Einbindung in ein erlebbares Ensemble formen, als eine Art collage urbain. Erst in diesem Rahmen wird letztlich die umfasste räumliche Mitte eines Festplatzes als „Großes Landesforum“ im Regierungsviertel entstehen.
Hansjörg Göritz
Herzlichen Dank an der architekt
Fotos: siteco