

Die katholische Gesamtkirchengemeinde Stuttgart suchte lange Zeit nach einem geeigneten Ort für den Bau eines Probenhauses der Dommusik-Chöre St. Eberhard. In der Landhausstraße, in einer für Stuttgart typischen Lage am Hang – zur Parallelstraße hin fällt das Gelände zwölf Meter ab – fand sich schließlich ein passendes Grundstück, das von der Innenstadt aus leicht zu erreichen und außerdem gut an das öffentliche Verkehrsnetz angeschlossen ist.
In unmittelbarer Nachbarschaft intakter Gründerzeithäuser mit roten und gelben Ziegelfassaden und zwischen Nachkriegsbauten mit stark variierender Höhe galt es für die Architekten Karl Amann und Henning Volpp vom Stuttgarter Architekturbüro „no w here“ in Zusammenarbeit mit „SeiboldBloss Architekten Stadtplaner“ ein architektonisches Konzept zu kreieren, das zwischen den unterschiedlichen Bautypen vermittelt und gleichzeitig das vorhandene Arkadenthema aufgreift.
Die Domsingschule schafft mit ihrer Fassade aus friesischem Ziegel eine Verbindung zu der gründerzeitlichen Bebauung der Umgebung, wobei die „schützende Haut“ das gesamte Gebäude umschließt – wie eine Art Membran. Die Ziegel wurden aus verschiedenfarbigen Tonen gefertigt und wirken lehmig und warm. Die Fenster und Eingänge erinnern an Einschnitte in die Ziegelhaut. Die plastisch behandelte Wand verliert ihren harten Stein-Charakter und wirkt beinahe elastisch. Im Bereich des Laubengangs, der sich auf der Seite zur Straße hin befindet, löst sich die Fassade im dritten und vierten Obergeschoss in einer gitterartigen Struktur auf.
Das Wechselspiel von offenen und geschlossenen Flächen in der Fassadenhaut steht in einem engen Zusammenhang zu den unterschiedlichen Nutzungsbereichen und folgt darüberhinaus den Anforderungen an die Akustik in den Chorsälen. Die wichtigsten Räume der Domsingschule sind der kleine Chorsaal mit 80 Quadratmetern im Erdgeschoss und der große Probenraum mit 180 Quadratmetern im Obergeschoss. Zusätzlich gibt es ein Notenarchiv, Räume für die Verwaltung sowie zwei separate Stimmbildungszimmer, die in einem Zwischengeschoss untergebracht sind. Ergänzend wurden im Gebäude eine Tiefgarage und im dritten sowie vierten Stockwerk vier Wohnungen integriert.
Von außen sind die Wohngeschosse an der aufgelösten Fassade zu erkennen. Dort zeigt sich der ungezwungene Umgang mit dem Ziegel besonders spielerisch. Dünne Riegel, für die ein Stahlgerüst rundherum mit Ziegeln verkleidet wurde, sind Schmuckelement und lichtdurchlässiger Sichtschutz zugleich.
Im großen Chorsaal wird das „Hautthema“ der Fassade durch die vollflächige Holzverkleidung der Wände wieder aufgegriffen. Wie ein Innenfutter legt sich die in verschiedene Höhen aufgeteilte Bambushaut schwungvoll und kurvenreich in das Betongehäuse des Saalraums. Die feine Maserung des Bambusfurniers lässt dabei die unterschiedlichen Strukturen der absorbierenden und reflektierenden Akustikelemente nahezu mit der Wand verfließen. Schmale, unterschiedlich farbige Streifen, die als gestalterische Wandelemente in den Farben Blassgelb, Frühlingsgrün, Weiß und hochglänzend Schwarz immer wieder in den Räumen der Schule auftreten, lockern das Bild der holzverkleideten Wände auf. Der Bodenbelag aus Bambusparkett fügt sich mit den Wänden zu einem harmonischen Ganzen. Die in den Fugen versteckte indirekte Beleuchtung und die Doppelfokusbeleuchtung in der Decke gewähren ein blendfreies Licht, das in verschiedenen Gruppen schalt- und dimmbar sehr unterschiedliche Raumstimmungen erzeugt. Die vom Akustiker geforderte Nachhallzeit von 0,8 Sekunden konnte durch die Verwendung verschiedener akustischer Elemente erreicht werden. Für die Auflösung von Flatterechos lassen sich unterhalb der flachen Decke runde Schallsegel leicht kippen. Ihre Form bezieht sich dabei gestalterisch auf die Kurven und Rundungen des Raumes.
Von der Straße ist der große Probenraum – das Herzstück der Domsingschule – daran zu erkennen, dass er sich mit seiner dreifach gekrümmten Wand in den Straßenraum lehnt. Die darüber liegenden Geschosse springen nach hinten zurück, so dass der Saal über ein Oberlicht indirekt belichtet werden kann. Der direkte Zugang zum Innenhof wird über eine Außentreppe gewährt.
Der kleine Chorsaal ist als Proberaum für die Kinderchöre konzipiert worden. Hier legten die Architekten Wert auf eine schlichte Ausstattung. Kleine bunte Stühle geben dem Ganzen eine spielerische Note. Die akustische Gestaltung ist im Vergleich zum großen Saal wesentlich reduzierter. Für die Feinjustierung der Nachhallzeit wurde neben den nötigen Absorberflächen ein langer Vorhang vor einer Wand angebracht. Im Foyer sowie im Bereich der Jugendbetreuung finden sich die Farben Blassgelb, Frühlingsgrün, Weiß und Schwarz in den Schränken und der Teeküche wieder, im Archiv sind die Notenwagen entsprechend gestaltet. Als Zitat der roten Ziegel der umgebenden Bebauung bricht im Foyer die Wand, die als Achse vom Eingang durch das gesamte Gebäude führt, mit einem roten Farbton – Stucco Lustro in Venezianischem Rot – die dezente Farbwahl des Gebäudes.
Karl Amann und Henning Volpp wählten für das Gebäude der Domsingschule, in dem jeder Raum für sich eine gestalterische Einheit bildet, das FSB-Modell 1144 von Jasper Morrison in Aluminium. „Die matte Oberfläche fügt sich nahezu selbstverständlich in das Gesamtbild der Domsingschule ein und passt zu den anderen haptischen Oberflächen“, erklärt Amann. Auch gestalterisch erfülle der Türdrücker mit seiner „zurückhaltenden und weichen Form“ den hohen Anspruch des architektonischen Konzepts. Dazu passend findet sich z. B. an Türen zum Terrassenbereich der ebenfalls von Morrison entworfene Türknopf 2374. Für die Fluchttüren verwendeten die no w here Architekten die Return-Türklinke 1016, das geschlossene Pendant zum FSB- Modell 1076, das mittlerweile zu den meistkopierten Türdrückern des vergangenen Jahrhunderts gehört.
Fotos: Olaf Becker