


Die Wilhelmstraße in Berlin und ihre wechselvolle Geschichte. Einst saßen dort die wichtigsten Regierungsbehörden Preußens und des Deutschen Reichs. So war die Hausnummer 54 bis 1918 Sitz des Geheimen Zivilkabinetts des preußischen Königs und deutschen Kaisers, später Amts- und Wohnsitz des preußischen Ministerpräsidenten, unter den Nationalsozialisten dann Schaltzentrale der NS-Diktatur. Die benachbarte Nr. 55 beherbergte seinerzeit das Preußische Justizministerium, ab 1935 das Reichsjustizministerium. Nach dem Zweiten Weltkrieg aufgrund schwerer Schäden abgerissen, konnte die Nr. 54 als eine der wenigen in der Wilhelmstraße diesem Schicksal entgehen. Dennoch fristete das Areal nach dem Bau der Mauer ein unauffälliges Dasein in deren Hinterland. Dann die Wiedervereinigung, es ging bergauf, wenn auch erstmal nur für die 54.
2000, jenes Millenniumsjahr, soll auch für die Wilhelmstraße 54 zu einem besonderen werden. Nach vollständiger Modernisierung und Instandsetzung bezieht das BMELV die dortigen Räumlichkeiten und haucht damit dem Straßenzug wieder Regierungsflair ein. Das heute denkmalgeschützte neobarocke Repräsentationshaus erhielt mit einem neu ausgebauten Dachgeschoss im Bereich des Vorderhauses und der beiden Seitenflügel die einzige moderne Färbung.
Ganz anders der im Februar 2010 eröffnete Erweiterungsbau auf dem bis dato brachliegenden Nachbargelände der Nr. 55. Konzipiert und umgesetzt von den Berliner Architekten Anderhalten präsentiert sich der sechsgeschossige Baukörper mit seiner Fassade abwechselnder Naturstein- und Glasbänder als eigenständige Typologie in komplett modernem Gewand. Verbindendes Element zum Altbau ist in erster Linie die gemeinsame Traufhöhe. Die Architekten setzen bewusst auf den zeitgemäßen Widerspruch dieses „gebrochen orthogonalen Körpers“ zum Neobarockbau. Horizontal schichtet sich anthrazitfarbener Stein über in Lärchenholz eingefasste Fensterreihen. Die abgewinkelten und vorspringenden Natursteinplatten brachten dem Erweiterungsbau bereits den Namen „Aigner-Nordwand“ ein – eine gelungene Wortkreation, die das bekannte Alpenmassiv Eiger und den Nachnamen der Ministerialleiterin in sich vereint. Der derart verarbeitete spaltrauhe Olivin-Basaltstein erzeugt lebendige Reflexionen und dynamische Schwingungen, was Florian Mausbach, den Präsidenten des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung (BBR), dazu bewog, von einem „Haus mit Hüftschwung“ zu sprechen.
Der Dynamik der Fassade steht eine, wie es die Architekten Anderhalten bezeichnen, „amorphe innere Gebäudestruktur“ entgegen, die sich vor allem durch den bestimmenden Baukörper des Atriums auszeichnet. Dieses setzt das Element der horizontalen Längsausrichtung des Gebäudes im Inneren fort. Das langgestreckte Atrium reicht nahezu durch den gesamten Bau und versorgt dabei alle sechs Geschosse mit Tageslicht. 156 Einzelbüros und die angeschlossenen Konferenz- und Nebenräumen werden so zu einer einzigen Kommunikationszone, erschlossen über die in schlichtem weiß gehaltenen Treppenhäuser sowie zwei Aufzügen. Von einer hölzernen Sheddach-Konstruktion überdeckt, erinnert der Lichthof mit seiner in zwei Schleifen gewundenen Form und den tiefen Einblicken an eine stufige Talausformung, weswegen er schon jetzt, erneut analog zur Fassade, einen Spitznamen – „Canyon“ – aufgedrückt bekam.
Als gläserner, mit Pflanzen bewachsener Körper reicht das Atrium in das Erdgeschoss mit Foyer, Besucher- und Konferenzzone sowie Cafeteria. Der ebenerdige flexibel teilbare Konferenzbereich fasst 120 Besucher und ist mit zeitgemäßer Technik ausgestattet. Über einen neuen Eingang an der Französischen Strasse lässt sich dieser separat erreichen.
Für ein Ministerium, dem unter anderem der Bereich des Verbraucherschutzes untersteht, ist Nachhaltigkeit eines der wesentlichen Elemente. Das Atrium hat folglich nicht nur unter gestalterischen, sondern auch unter klimaeffizienten Gesichtspunkten etwas zu bieten. Abgesehen von der angesprochenen Lichtversorgung, sieht das von der Dresdner ÖKOTHERM GmbH geplante Konzept, die gesamte Be- und Entlüftung auf natürliche Weise über die Lamellenöffnungen dieses Lichthofs vor. Unterstützt wird die natürliche Be- und Entlüftung durch eine in den Betondecken angeordnete Betonkerntemperierung, die ausschließlich durch natürliche Ressourcen (Verdunstungskühlung) versorgt wird.
Doch damit nicht genug. Die ökologische Bauweise setzt sich in vielen Teilen des Gebäudes fort. Mit Lehm verputzte Wände, nachwachsende Rohstoffe wie Flachs, der als Dämmmaterial im Dach verbaut wurde, sowie zwei Photovoltaikanlagen auf dem Dach, die eine Gesamtleistung von jährlich rund 5.000 kWh erbringen, sind dabei am augenfälligsten. Zudem sind alle Innentüren und Einbaumöbel aus nachwachsenden und ökologisch verträglichen Holzwerkstoffen gefertigt. Die Bodenbeläge sind vornehmlich aus Naturstein und Stabparkett sowie Linoleum.
Einem solch durchdachten Gesamtkonzept wie dem Erweiterungsbau des BMELV gebührt ein ebenso durchdachtes Konzept von FSB, wenn es um Türdrücker und die mit dem speziellen Ergo-System ausgestatteten Sanitärbereiche des Ministeriums geht. Ergo schenkt, wie der Name schon verrät, neben funktionalen und ästhetischen Gesichtpunkten der Ergonomie besondere Aufmerksamkeit. Das diagonal-oval konzipierte System bietet größtmöglichen Halt bei geringer Belastung, beste Haptik und optimale Griffsicherheit. Das Ergo-Systems, in zehn WC-Bereichen und einer Duschanlage eingebaut, fügt sich mit seiner Edelstahloptik dezent in die architektonische Umgebung ein. Spiegel mit Haltern, WC-Zubehör, Stützklappgriffe mit und ohne Funktionstastern, Duschvorhangstangen inklusive Vorhängen mit Handlaufkombination und Brausestange zählen zu den eingebauten Komponenten.
Zum Ergo-System gesellt sich von FSB als Türdrücker das Modell 1107, ebenfalls in Edelstahl. Vom FSB-Hausdesigner Hartmut Weise konzipiert, überzeugt es durch schlichte Gestaltung. Weise entschied sich ganz bewusst für einen „unprätentiösen Auftritt“ des Türdrückers, der durch Klarheit sowie beste Handhabung besticht. Ebenso wie beim Ergo-System bietet der ovale Griffquerschnitt optimalen Halt. Die leicht geschwungene Form des 1107 wirkt bewegt; ebenso bewegt wie das gesamte Gebäude. So schwingt nicht nur die Außenfassade, auch bis in solch kleine Details wie einen Türdrücker setzt sich die Dynamik des Ministerialgebäudes fort.
Fotos: Ursula Böhmer